Hintergrund

Die Lungenembolie der 23-jährigen Schaffhauserin Céline Pfleger liegt an der hormonellen Verhütung, sagt die Familie der heute Schwerstbehinderten. Der Pharmakonzern Bayer bestreitet dies – und gewann bisher alle Gerichtsverhandlungen.

Céline Pfleger erhält Besuch von ihrer Schwester Jennifer (links). Céline bewohnt ein zimmer im lindli-huus.

Es sind immer die gleichen Bilder. Links: eine Jugendliche, dezent geschminkt und nett lächelnd. Rechts: Dieselbe junge Frau, gut sichtbar schwer behindert. «Pillen-Drama», titelt der Blick. Von «zerstörten Träumen» spricht die Schweizer Illustrierte. «Bittere Pille», kalauert der Beobachter. Fernsehsender, Gratisblätter und Magazine der ganzen Deutschschweiz berichten 2008 vom Vorfall, der sich bei der Schaffhauserin Céline Pfleger ereignet hat: Die damals 16-Jährige erleidet eine Lungenembolie und einen Herzstillstand und wird dadurch schwerstbehindert.

Die beliebteste illegale Droge in Schaffhausen ist Cannabis. Doch auch Speed und Kokain liegen im Trend.

Laut Schätzungen werden im globalen Drogenmarkt jährlich 320 Milliarden Dollar umgesetzt. Das entspricht fast einem Prozent des Weltbruttosozialprodukts. ExpertInnen sehen den Krieg gegen den weltweiten Drogenhandel vor dem Scheitern.

Der Markt wächst zwar nicht weiter an, Designerdrogen erfreuen sich aber immer grösserer Beliebtheit und lösen die «klassischen» Drogen zum Teil ab. Jedes Jahr tauchen Dutzende neue Substanzen auf dem Markt auf, eine Kontrolle scheint aussichtslos. Eine besonders gefährliche Droge, Methamphetamin, ist in den USA die beliebteste synthetische Droge. Auch in Deutschland ist diese Droge ein grosses Problem, in der Schweiz hat der Trend aber noch nicht eingeschlagen.

In Schaffhausen, wie auch in der restlichen Schweiz, ist Cannabis mit Abstand die beliebteste illegale Droge. Doch auch der Konsum von Amphetamin (Speed) und Kokain hat hier zugenommen. Kokain ist vor allem in Schweizer Grossstädten beliebt, in Schaffhausen liegt Amphetamin im Trend.

Die Liste der meistkonsumierten Drogen wird von Alkohol angeführt. Jugendliche mögen sich öfter betrinken, die ältere Bevölkerung trinkt aber regelmässiger. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist gross: Doppelt so viele Männer (17,4%) wie Frauen trinken täglich. Der Vergleich der verschiedenen Sprachregionen zeigt, dass das Tessin mit 23 Prozent den höchsten Anteil an täglich Konsumierenden hat, gefolgt von der Romandie mit 17,7 Prozent. In der Deutschschweiz sind es 10,8 Prozent. Gleichzeitig gibt es bei den TessinerInnen mit 23 Prozent den höchsten Anteil an AbstinenzlerInnen. In der Romandie sind es 20 Prozent, in der Deutschschweiz 15 Prozent.

ADHS ist bei den Schaffhauser Kindern die meist diagnostizierte Verhaltens­störung. Bei dieser Diagnose lautet die Lösung oft Ritalin.

Das Medikament Ritalin wird auch im Kanton Schaffhausen regelmässig verschrieben. Viele Kinder und Jugendliche sollen damit den Alltag besser bewältigen können.

Gemäss einer internen Statistik der Schaffhauser Spitäler erfolgen etwa 30 Prozent der Anmeldungen zu einer Abklärung durch den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst (KJPD) aufgrund von Konzentrationsproblemen. Verschiedene Studien schätzen, dass 12 Prozent aller Kinder im Schulalter davon betroffen sind. Die Diagnose ADHS ist mittlerweile die häufigste unter den Verhaltensstörungen, Tendenz steigend.

ADHS: Ursache unklar

Die Ursachen sind nicht immer klar, allerdings spielen die Hektik und die Geschwindigkeit im Alltag eine grosse Rolle. Der Stundenplan vieler Kinder und Jugendlicher beschränkt sich nicht nur auf die Schulstunden. Vorher und nachher sind viele Aktivitäten eingeplant, die Aufmerksamkeit fordern und öfters wenig Platz lassen für die eigene Fantasie, Kreativität und Langeweile. Bereits im Kindergarten wird über die Zukunftsaussichten der Kinder diskutiert und ob sie in eine Förderklasse müssen oder die Regelschule besuchen können.

Auch in Schaffhausen gibt es die «Anonymen Alkoholiker». Sie setzen auf Spiritualität, um dem Alkohol zu entsagen.

Unbehagen liegt in der Luft. Als wären die Männer, die in der Webergasse stehen, auf frischer Tat ertappt worden. Um die Ecke kommt Ruedi und wird von allen herzlich begrüsst. Aber mit mir, der jungen Lappi-Redakteurin, wollen sie nicht richtig warm werden. Die Männer gehen rein und Ruedi bleibt bei mir. Die Fahrt mit seiner Yamaha nach Schaffhausen sei sehr schön gewesen, über die Landstrassen könne man etwas mehr Gas geben. Nach ein paar Minuten schaut einer der Männer raus und teilt mir bedauernd mit, dass ich nicht herein dürfe, einige Meetingsteilnehmer seien nicht einverstanden damit, jemanden von den Medien dabei zu haben.

Das Schild der «Anonymen Alkoholiker» (AA) steht in der Ecke des Fensters, und hinter der verschlossenen Tür sitzen Menschen, die gleich über ihre tiefsten Ängste, Niederlagen und Probleme, aber auch über ihre Erfolge sprechen werden. Jede Woche treffen sie sich und tauschen sich aus, im Kreis der Süchtigen.

Patrik Dörflinger vom VJPS ist der Ansicht, dass Drogen zu unserer Gesellschaft gehören.

Der vjps ist der verein für jugendfragen, prävention und suchthilfe. Er ist privat organisiert und bildet die Trägerschaft der Fachstelle für Gesundheitsförderung, der Prävention und Suchtberatung, der Gassenküche Schaffhausen sowie des TASCH.

Patrik Dörflinger, hat unsere Gesellschaft ein Suchtproblem?

Suchtmittel sind in jeder moderner Gesellschaft Thema, sie verursachen immer wieder Probleme.

Also ja?

Ja. Je moderner die Gesellschaft, desto grösser die Suchtprobleme. Früher starb man an anderen Dingen.

Muss man das nicht etwas relativieren? Die Prohibition in den USA kam auf, weil die Leute gesoffen haben wie die Löcher.

«Im Mittelalter wurde exzessiver getrunken»

Klar, im Mittelalter wurde auch viel exzessiver getrunken als heutzutage. Aber für die Allgemeinheit war Alkohol nicht so verfügbar wie heute. Für eine Gesellschaft wird Sucht erst zu einem Problem, wenn die Suchtmittel für einen Grossteil der Bevölkerung zugänglich sind. In Saudi Arabien ist Alkohol für die breite Masse einfach nicht erhältlich. Deshalb gibt es dort – gesellschaftlich gesehen – kein Alkoholproblem.

Sie sprechen jetzt von Suchtmitteln, als Suchtberater beschäftigen Sie sich aber auch mit Verhaltenssüchten. Die gab es ja früher bestimmt auch schon.

Auffällig gewordene Asylsuchende können seit einem Jahr in Containern «eingegrenzt» werden. Ob die Massnahme sinnvoll ist, bleibt umstritten.

In diesem Container werden auffällig gewordene asylsuchende «eingegrenzt». Bild: mg.

Durchgangszentrum Friedeck in Buch, anfangs Juli: Die Bewohner schauen sich im Gemeinschaftsraum ein Spiel der Fussball-WM an. Plötzlich geht ein 24-jähriger, kräftig gebauter Tunesier anscheinend ohne Grund auf einen jungen Somalier los.