• Brauchts noch mehr Geschenke?

    AL-Kantonsrat Matthias Frick über Umverteilungsversuche.

    Es war bereits im Vorfeld der Kantonsratsdebatte zur Teil­revision des kantonalen Steuergesetzes ruchbar geworden, die Spatzen pfiffen es von den Dächern: Die SVP möchte auf die ursprünglich von ihrer Finanzdirektorin vorgeschlagene Vermögenssteuersenkung nicht verzichten. Auch nicht angesichts der prekären Finanzlage des Kantons. Eine Senkung der Vermögenssteuer müsse zwingend sein und man könne sie sich leisten. Wohl auch dank der von der Volkspartei mit Beihilfe der Freisinnigen in der vorangegangen Woche durchgesetzten massiven Kürzung bei der Krankenkassenprämienverbilligung für Kleinverdiener.

    Und wirklich: In der Beratung bei der Vermögenssteuer angelangt, ergriff Kantonsrat Markus Müller, SVP Löhningen, das Wort und beantragte eine Senkung der Vermögenssteuer von 2,3 ‰ auf 1,8 ‰. Das sei notwendig, da wir eine «Verteufelung unseres Paradieses» verhindern müssten – auch im Hinblick auf die zunehmende Überalterung des Kantons Schaffhausen. Es gelte, positive Signale an potentielle Neuzuzüger zu senden. Die beantragte Senkung sei nötig, namentlich für die vielen Eigenheimbesitzer im Kanton Schaffhausen.

    weiter

  • Der liederliche Rest

    Das kleine Paradies neu erzählt.

    Schaffhausen ist nicht Sarajevo, das eine lange Tradition von Liebesbekundungen an die Heimatstadt kennt. Bis im Herbst dieses Jahres war es so, dass «homegrown» (Kiffersprache) Songs über Schaffhausen an einer Hand abgezählt werden konnten. Dann kam «Operation Paradiesdämmerung» aka «Occupy A ­Piece Of Paradise». Für die geschätzte Lappi-Leserschaft wärmen wir die Ereignisse der letzten Monate und Wochen noch einmal auf.

    Erstmals bliesen wir im Frühling zur Attacke auf die Schaffhauser Standortkampagne, mit einem offenen Brief an Eingeborene wie Zugezogene, in diesem Print:

    weiter

  • Diskriminierung hält an

    Mattias Greuter und Thomas Leuzinger über die fortschrittliche, liberale Schweiz, die die Minderheit der Homo­sexuellen weder rechtlich noch gesellschaftlich als gleichwertig anerkennt.

    Schwule werden kastriert und therapiert. Sie treffen sich – versteckt – in der «Schweinebucht» bei Büsingen oder schlüpfen durch einen Hintereingang in eine Schwulenbar an der Hochstrasse. Das war vor weniger als fünfzig Jahren. Heute steht die Homosexuellen-­Szene nicht mehr am Rande der Legalität. Weil Homosexuelle mehr Rechte haben und weil sich die Gesellschaft weiterentwickelt hat.

    Doch die Schwulen und Lesben, die mit ihrer sexuellen Ausrichtung einer Minderheit angehören, werden trotz zahlreicher Verbesserungen im rechtlichen und gesellschaftlichen Bereich noch immer nicht als vollständig gleichwertig akzeptiert. Anders ist es nicht zu erklären, dass es immer noch Schwule und Lesben gibt, die ihre Neigungen auch vor ihrem engsten Bekanntenkreis geheim halten, wie die junge Frau, die sich in dieser Ausgabe dem Lappi gegenüber geoutet hat. Oder dass sich viele Homosexuelle in ihrem Alltag durch Sprüche, Witze oder Beleidigungen diskriminiert fühlen.

    weiter

  • Ein jahrzehntelanger Kampf

    Das Ringen um rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen ist in der Schweiz noch nicht zu Ende.

    Bis weit hinein ins 20. Jahrhundert war Homosexualität gemäss den damals noch kantonalen Strafgesetzbüchern strafbar. Sie wurde als unnatürliche Charaktereigenschaft qualifiziert und unter Strafe gestellt. Im Namen von Sitte und Moral sollten die Neigungen der Homosexuellen durch die Androhung von Gefängnis geändert oder zumindest unterdrückt werden. Mit der Entwicklung der medizinischen Psychiatrie wandelte sich die Homosexualität in den Augen der Gesellschaft von einer Charaktereigenschaft hin zu einer psychischen Krankheit. Dies verbesserte die Akteptanz gegenüber Homosexuellen keineswegs.

    Die Idee, in der gleichgeschlechtlichen Orientierung eine menschliche Eigenschaft und nicht eine Charakterschwäche oder Krankheit zu sehen, war weit von einem Durchbruch entfernt. Erst das Umdenken im Vorlauf zur Einführung des neuen (nationalen) Strafgesetzbuches im Jahre 1942 führt zur Straffreiheit sexueller Handlung gleichgeschlechtlicher Erwachsener. Eine menschliche Eigenschaft sei als gegeben zu betrachten, so die Haltung des Gesetzgebers, und dies müsse insbesondere auch von staatlichen Instanzen respektiert werden.

    weiter

  • Erpresst, kastriert und ausgeschafft

    In den 60er-Jahren wurde in Schaffhausen zum letzten Mal ein Schwuler kastriert. In den 70er-Jahren begann eine liberalere Ära. Zwei, die dabei waren, erzählen.

    «Schwul in Schaffhausen» hiess 1976 eine Titelgeschichte des kleinen, linken Politikmagazins «Info», das gewissermassen der «Lappi» der 70er-Jahre war. Der Text zeigt auf, wie und wo sich Schwule in Schaffhausen trafen und welche Schwierigkeiten sie dabei hatten. Die Gesprächspartner traten im Text mit verfälschtem Namen auf und auch der Autor blieb «aus begreiflichen Gründen» anonym.

    Der Autor war Hanns Aebli, verantwortlich für die «Info»-Ausgabe war Bernhard Ott. 35 Jahre später sind die beiden Anfangs sechzig und sitzen in Aeblis farbenfroher Wohnung in der Altstadt an einem Tisch, den das Nippesfigürchen eines knackigen Matrosen ziert. «Heute ist vieles anders», sind sie sich einig. Mit «anders» meinen sie: besser.

    Heute sind der Bürgermeister von Berlin und der Schweizer Bundesanwalt schwul, und auf RTL gibt es bei «Bauer sucht Frau» auch einen Bauern, der einen Mann sucht. «Das wäre früher undenkbar gewesen», bemerkt Aebli. Während Queerdom Schaffhausen auf immer noch bestehende Missstände wie das Adoptionsverbot für gleichgeschlechtliche Paare hinweist, blickt die ältere Generation zurück auf das, was schon erreicht wurde.

    In den 60er-Jahren gab es in Schaffhausen nur einige wenige Exzentriker, zumeist Künstler, die eine gewisse Narrenfreiheit besassen und offen schwul waren. Hanns Aebli lebte seine Neigung zunächst heimlich aus: Wenn er etwa Besuch von einem Mann erwartete, schickte er seinen WG-Mitbewohner mit einem Vorwand ins Kino. «Irgendwann hatte ich die Schnauze voll von der Heimlichtuerei», erinnert er sich. Er lud seine näheren Bekannten, einen nach dem anderen, auf ein Bier ein und sagte ihnen, er sei schwul. «Bis auf einen einzigen haben alle sehr gut reagiert, die meisten ahnten es vielleicht bereits.»

    weiter

  • Esoterik, Truck-Rennen und Pseudo-Arena

    Schweiz 5 heisst «Bürgerlich und Sport». Sie kennen den TV-Sender nicht? Nicht so schlimm, wir haben den Sonderling für Sie besucht.

    Schweiz 5 bringt Sportereignisse wie Truck-Rennen, Astrologie- und Sexualberatungen sowie einige Talkformate politischen Inhalts, wobei überwiegend mit SVP-Politikern diskutiert wird. Schweiz 5 zu empfangen ist nicht schwer. Der Sender ist auf fast allen Digitalnetzen des Landes aufgeschaltet. Schweiz 5 zu finden ist schon deutlich schwerer. Das Signal kommt von irgendwo in Langenthal.

    Dort angekommen, fällt auf: Es stinkt ge­waltig. Nach verfaulten ­Eiern und Schlimmerem. Unmittelbar an den Bahnhof Langenthal Süd grenzt ein ausgedehntes Einfamilienhausquartier. Auf der anderen Seite sind die Kartoffelfabriken und irgendwo in der Nähe wohl auch eine Kläranlage. Aber wo ist Schweiz 5? Wir stehen vor einem riesigen, verglasten Neubau. Unten Autowerkstatt, oben Restaurant und Bowlingbahn. Ein Unterhaltungszentrum an der Peripherie.

    weiter

  • Jeder ist alles isst Hundefutter

    Ausgabe 8: Mattias Greuter und Thomas Leuzinger über die Presse, Blocher und Ringiers Hundeshop.

    «Schaffhauser Nachrichten», «Weltwoche» und «Basler Zeitung» sollen zusammen in einer Verlagsholding untergebracht werden, meinte der «Tages-Anzeiger» vor kurzem zu wissen. Eine Schockmeldung für die SchaffhauserInnen – aber für den Lappi-Leser nicht glaubwürdig. In der letzten Ausgabe sagte «SN»-Verleger Norbert Neininger schliesslich stolz, es gebe «nur noch wenige unabhängige Regionalzeitungen», und versicherte, die Schaffhauser Nachrichten würden «frohen Mutes in zehn Jahren auch das 160. feiern können».

    Nun, Blocher hat sich endlich (über seine Tochter Rahel) als (indirekter) BaZ-Besitzer zu erkennen gegeben. Wohl unfreiwillig, weshalb er sich jetzt wieder aus dem Staub macht. Allerdings ist nicht auszuschliessen, dass Christoph Blocher seine Fühler nach Zeitungen ausstreckt, die er in einen SVP-Verlag einbringen könnte. In Schaffhausen wird er mit Blocher TV ja bereits hofiert.

    weiter

  • Polparteien besser als prognostiziert

    Die kleinen Parteien wurden vor den nationalen Wahlen überschätzt. Bei den kommenden regionalen Wahlen werden sie besser abschneiden.

    Die Wahlen sind vorbei: Es ist Zeit für eine kleine Auswertung der Wahlprognosen, die uns die VertreterInnen der Schaffhauser Parteien vor den nationalen Wahlen zukommen liessen (siehe Lappi 7/September).

    Die Nationalratswahlen boten keine Überraschung, das zeigen auch die Prognosen. Einzig Markus Bührer von den Jungfreisinnigen war der Auffassung, dass es einen Wechsel geben würde: Er glaubte, Christoph Schärrer (FDP) könnte Hans-Jürg Fehr (SP) den Sitz streitig machen, wovon er allerdings weit entfernt blieb. Bührer war es denn auch, der insgesamt am schlechtesten abschnitt und bei den Prognosen insgesamt um 49 Prozentpunkte daneben lag.

    weiter

  • «Das ist nicht natürlich»

    Nicht alle wollen homo­sexuellen Menschen gleiche Rechte zu­gestehen wie heterosexuellen. Einer, der sich vehement gegen die Gleichstellung wehrt, ist EDU-Kantonsrat Erwin Sutter.

    Die Rechtskomission des Ständerates hat sich vor kurzem für das Adoptionsrecht für alle erwachsenen Personen ausgesprochen. Sind Sie dafür, dass dies möglich sein soll?

    Erwin Sutter: Nein. Ich habe mich schon 2005 bei der Abstimmung über das Partnerschaftsgesetz entsprechend geäussert und war auch gegen das Gesetz. Damals hatte man versprochen, dass die homosexuellen Paare keine Kinder adoptieren oder durch medizinische Massnahmen – künstliche Befruchtung zum Beispiel – Kinder zeugen können. Das war eine der Voraussetzungen, weshalb die Bevölkerung dem Gesetz zugestimmt hat.

    Was spricht denn gegen die Adoption durch Homosexuelle?

    weiter

  • «Die Kirche hat wenig Einfluss»

    Eine der aktivsten Schweizer Organisationen für die Rechte der Homosexuellen ist der Verein «Queerdom» aus Schaffhausen.

    Schaffhausen ist eine gute Stadt für Homosexuelle. Das sagt Michael Läubli, der Präsident von Queerdom. «Das liegt wohl daran, dass der Einfluss der Kirche hier eher gering ist. In Schaffhausen hatten wir noch nie Probleme an unseren Aktionen, hingegen wurde ich in Luzern wie auch in St. Gallen – beides streng katholische Gebiete – arg beschimpft.»

    Queerdom wurde 2008 unter anderem von Präsident Läubli und Pressesprecher Ronny Bien gegründet, nachdem die beiden fünf Jahre lang Szenepartys unter dem Namen « Schwöstere-Alaaarm» organisiert hatten. Der Verein sei einer der aktiveren in der Schweiz, wenn nicht sogar der aktivste, sagt Läubli.

    Queerdom habe in seiner noch jungen Geschichte schon einiges Aufsehen erregen können in der Szene, meint er. Mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit und politischen Aktionen wie Unterschriftensammlungen – zuletzt für die Petition «Gleiche Chancen für alle Familien». «Auch in Schaffhausen braucht es Vereine wie uns, als Anlaufstelle für Probleme etwa, oder als Bindeglied zwischen den Mitgliedern und den verschiedenen Dachorganisationen», so Läubli.

    weiter

  • «Kern des Kapitalismus»

    Auslese

    Zeise – Gründungsmitglied und Kolumnist der Financial Times Deutschland – betrachtet den Finanzmarkt aus marxistischer Perspektive: Kapital ist sich vermehrendes Eigentum. Damit Eigentum sich selbst vermehren kann, muss es ein gesellschaftlich anerkanntes Zahlungsmittel geben. Damit ist Geld als Kern des Kapitalismus identifiziert. Für Marx war Geld eine Ware, die ihren Tauschwert durch Arbeit erhält, beispielsweise Gold, das in Minen abgebaut wird.

    Papiergeld und Geldanlagen waren für ihn kein Geld, sondern fiktives Kapital. Heute sind Schuldscheine zum offiziellen Zahlungsmittel geworden. Vom einfachen Bankguthaben bis zum komplexen Finanzprodukt sind alle Geldvermögen Kredite und erheben Anspruch auf einen Anteil am Profit. Kreditgeld ist dem Wachstumsbedürfnis des Kapitals angepasst. Im Gegensatz zur Goldproduktion kann die Kreditmenge beliebig ausgeweitet werden. Mit der wachsenden Kreditmenge steigt der Anteil des gesellschaftlich geschaffenen Mehrwerts, der an das Geldkapital abfliesst und der Anteil, der für den Konsum übrig bleibt, schrumpft. Es kommt zur Wirtschaftskrise.

    weiter

  • «Plötzlich war das Gefühl da»

    Cathérine hat noch fast niemandem erzählt, dass sie auf Frauen steht. Ihre Eltern wissen noch nichts – für den Lappi hat sie sich geoutet.

    Seit wann weisst du, dass du lesbisch bist?

    Cathérine:  Wirklich klar ist mir das noch nicht so lange. Etwa seit drei Monaten. Da habe ich mich verliebt. Doch auch dann war es nicht sofort einfach klar. Ich habe lange überlegt, ob es wirklich so ist oder ob ich mir das nur einbilde. Ich hatte Zweifel, weil es einfach so plötzlich da war, das Gefühl. Zu Beginn machte ich mir sehr viele Gedanken.

    Wie kommst du mit deinen Gefühlen klar?

    Im Moment fühle ich mich total wohl und fände es auch schön, wenn mal etwas passieren würde, so richtig. Früher sind immer die Männer auf mich zugekommen. Das war irgendwie so normal. Und jetzt muss ich halt auch mal selber die Initiative ergreifen. Wie genau das geschehen soll, hecke ich zur Zeit mit einer Freundin aus.

    Wer weiss alles davon?

    weiter

  • «Was mach’ ich da überhaupt?»

    Er ist ein talentierter Rapper, humorvoller Gesprächspartner und religiöser Heiler. Der 27-jährige Cyrille Huber alias «C-Real» polarisiert.

    Ist man in Schaffhausens Gassen unterwegs, kann es durchaus sein, dass man von ihm angesprochen wird – vor allem, wenn man von Schmerzen geplagt wird. Er spüre oft, was einer Person fehle, sagt Cyrille Huber. Sei es ein schmerzender Arm, ein steifer Nacken oder ein Nierenleiden. Oft geht er dann auf sie zu, fragt, ob er für sie beten dürfe und gebietet dem Schmerz, zu verschwinden.

    Er diskutiert viel und gerne, und das Gesprächsthema fällt bald auf Jesus. Auch heute, am Küchentisch einer Schaffhauser Altstadt-WG. Jesus ist Cyrilles Lebensinhalt.

    Seine Kindheit sei nicht immer einfach gewesen, erzählt er. Er wurde als eines von acht Kindern in ein frommes Umfeld hineingeboren – das Schweizer Fernsehen strahlte vor ein paar Jahren ein Portrait über die Grossfamilie Huber aus. Als er noch klein war, zog die Familie nach Beggingen.

    weiter