«Reason To Panic» ist schnell. Sauschnell. An zehn Abenden entstanden im Kellerstudio zehn Tracks aus dem Nichts. Der Lappi war bei der elften Geburt dabei.

Kein neuer Song ohne Flaschenbier und Salz­brezeln. Zusammen geprobt haben sie noch nie, Raph und Diego – alias «Reason To Panic» –, ­geschweige denn sind sie schon einmal zusammen aufgetreten. Werden es vermutlich auch nie tun, wollen es gar nicht. Die einen würden sagen «Diego und Raph? Schnittmenge null!»

Andere sagen, sie seien sogar über drei, vier Ecken miteinander verwandt, zumindest aber seelenverwandt. Item ... diese kleine Tradition hat sich eingeschlichen. Auf dem Weg zum Studio am Donnerstagabend noch rasch im Migrolino ein paar Bier und Brezeln holen. Brainfood. Wichtig wie frische Elektrolyte an einem verkaterten Sonntagmorgen.

Falken soll es sein

Heute ist wieder Donnerstag, und Raph und Diego stehen vor dem Kühlregal. Zehnerträger Falken oder Zwölfer Feldschlösschen? Die erste von vielen Entscheidungen, die sie an dem Abend zusammen treffen müssen. Sie, die sich eigentlich gewohnt sind, allein zu entscheiden – Raph als Zugpferd und Bandleader (Lorin Far, Scaramanga), leise aber bestimmt. Diego als Quasselstrippe, weit gereister Slampoet, schon allein daher Einzelkämpfer. Noch sind sie sich einig, Falken soll es sein. 2:0 für den Lokalkolorit. Dann geht’s weiter zum Studio.

Sie sind auf dem Weg, den elften der zehn Songs ihres neuen Albums einzuspielen. Nur wissen sie das noch nicht. Der Journi sagte, er wolle sie zum Projekt «Reason To Panic» befragen, wolle herausfinden, wie, warum und überhaupt. Im Studio angekommen sagen sie: «Nehmen wir doch statt des Interviews einfach noch einen Song auf». Wieder halten sie zusammen, 2:1 für die Musiker. Verfluchte Demokratie. Doch «wie, warum und überhaupt» lässt sich vielleicht auch so ergründen. Wie nehmen zwei Alphatiere zusammen einen Song auf? Wie entsteht überhaupt ein ganzer Song in wenigen Stunden? Der Journi macht sich’s also auf der versifften Bandraumcouch gemütlich und macht ein Bier auf. Film ab.

Das Album mit den elf erstaunlich gut abgemischten Songs kann man gratis herunterladenHIER findest Du die Kurzmeldung zum Release.

R: «Wa sölemer mache?» [blablabla] D: «So chli öppis Spanischs wär geil.» Raph holt die Gitarre, spielt eine Melodie, «Spanisch» tönt anders. D: «Jo, jo, nice! Mach mol so chli dä Rhythmus: dü dü düü düdüddüd» Die erste Tonspur ist bald gesetzt. Aufnehmen muss schnell gehen. Schliesslich entsteht hier pro Abend ein Song, von der Idee bis zum Endprodukt. Also Gitarre an den Verstärker, Mikrophon davor

«So tönt das auch richtig dreckig», sagt Diego zum verwunderten Journi. Ein fieser Rhythmus erklingt, mehrere Brüche drin. Dann eine zweite Spur: Bassline. Funky geslappt, wieder mit dem Mic vor dem Monitor. Bis jetzt hat hier ganz klar Raph die Hosen an, Diego bringt zwar Inputs, ist ansonsten aber Statist. R: «Hesch scho ä Textmelodie?» «Jojo», sagt Diego, geht wippend im Raum hin und her und nuschelt etwas vor sich hin: «nanana, on a merry-go-round».

Ob Songtexte anders entstehen als Slamtexte, will der Journi wissen. «Songtexte schreiben ist spontaner und vom Rhythmus geleitet, beim Slambeitrag gibt der Text den Rhythmus vor», sagt Diego. Manchmal sind Einschränkungen befruchtend. Raph und Diego schränken sich selber ein – ein Song pro Abend, das ist Konzept. «So sind wir gezwungen, eine Idee nicht gleich wieder zu verwerfen, sondern sie weiterzuverfolgen, weil sonst die Zeit fehlt», sagt Raph. Das führe dann zu unerwarteten Resultaten. «Wenn wir Zeit hätten, kämen wir in Versuchung, alle Schritte zu hinterfragen, weil die Ansprüche dann andere wären. So ist jeder Song ein Experiment.» «Ausserdem geraten wir durch die Geschwindigkeit in einen Rausch», ergänzt Diego.

Klingt gut, aber wieso arbeiten die beiden nicht immer so? «Wenn man das zu oft macht, geht die Magie verloren», sagt Raph. Es brauche daneben andere Projekte, mit mehr Konzept, mehr Schliff, anderen künstlerischen Ansprüchen. «Das Projekt ist auch eine Art Kritik an diesem Ewiggeschliffenen. Mich fasziniert Musik, die objektiv betrachtet falsch tönt. Damit kann man den Hörer herausfordern, er ist dann nicht mehr blosser Konsument.»

Auf den elf Songs auf dem «Reason to panic»-Album findet man solche «falschen» Stellen zuhauf. ­Diego kann zum Beispiel nicht wirklich singen, was für gewöhnlich fatal wäre für einen Sänger. Hier gehört’s zum Programm. Anderseits finden sich mancherorts Details, die man von einem «Schnellschuss» – was die Songs ja zweifellos sind – nicht erwarten würde. Ein verspieltes Mandolinensolo nach 3 Minuten etwa, oder mit Raphs Kopfstimme gedoppelte Refrains.

Mittlerweile sind wir nach zwei mal Gitarre, Bass und Snare bei Spur 5 angelangt: Synthies werden durchprobiert, bis einer passt: eine In-die-Fresse-Tuba, die mit einem Schiffshorn konkurrieren könnte. «Tuba Gold» steht auf dem Display, hier heisst sie «Elefant». Und schon nimmt der Text neue Züge an: «I’m an Elephant Man on a merry-go-around ...» Jetzt noch ein paar Hi-Hats. Raph setzt sich ans Schlagzeug und probiert, müht sich ab. Doch das Resultat passt irgendwie nicht zum fiesen Beat. Nach fünf Versuchen bricht Diego die Mission ab. Raph sieht’s ein. Die Ressorts sind nicht strickt getrennt. Auch Diego darf Musik machen, auch Raph darf texten.

Es holpert, es rumpelt, es fätzt

Wenig später steht der Songtext – etwas schwer Leserliches auf einem alten Pizzakarton, das jetzt eingesungen wird. Doch Diego hat Mühe, der 3/4 Takt über einem 4/4 setzt ihm zu. Raph berät ihn kompetent, bei Scaramanga hat er gesungen, bei Lorin Far auch. Als er dann selbst dran ist, für den dritten Refrain flucht er: «Läck, Diego, wieso het da so vil Wörter?!» Nach rund zehn Takes sind die Vocals im Kasten. Es holpert, es rumpelt, es fätzt. Die zehn Songs erinnern an Lorin Far, was kaum verwundert. Eigenwillige Melodien, Brüche, Pop mit Dub-Einflüssen. Plötzlich Electroswing, dann waschechter Punk. Konzept ist anders, Konzept ist langweilig.

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