Heutige, neoliberale Ideale könnten mehr mit den 68ern zu tun haben, als den Linken lieb ist. Christian Koller im Gespräch über Ursachen und Nachwirkungen der Bewegung.

christian koller ist titularprofessor für geschichte der ­neuzeit an der Universität Zürich und Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs.

Zwei Weltkriege, der Eiserne Vorhang, die Ermordung von Martin Luther King und der Einsatz von Agent Orange brachten die Leute auf die Strasse. Die Utopie einer sozialistischen Gesellschaft, in welcher das Individuum im Zentrum steht, sollte endlich Realität werden. Das hat ja nicht wirklich geklappt. Christian Koller, wie sehen Sie das?

Christian Koller: Die 68er Bewegung erfasste Themen aus dem öffentlichen und privaten Leben und propagierte tatsächlich einen gesellschaftlichen und ökonomischen Gegenentwurf. Dieses Ziel wurde nicht erreicht. Die Gründe sind vielfältig und liegen zum Teil in der Natur einer sozialen Bewegung. Aber es gibt auch einige Errungenschaften der 68er, die bis heute Nachwirkungen zeigen.

Wie entsteht denn eine soziale Bewegung?

Es gibt verschiedene Definitionen einer sozialen Bewegung. Entscheidend ist der Kristallisationsmoment, ein Aufhänger. Eine ideologische Haltung wird nicht mehr von Einzelnen vertreten, sondern im Kollektiv. Und das passiert häufig durch ein Ereignis. Anti-AKW-Bewegungen sind ein gutes Bespiel dafür. Der Moment einer Atomkatastrophe löst die Bewegung aus. Im Falle der 68er-Bewegung war es die erste Nachkriegsgeneration, die gegen verkrustete, hierarchische Strukturen ankämpfte. Nationale und lokale Anliegen vermischten sich mit transnationalen Thematiken wie dem Vietnamkrieg und lösten so die Protestwelle aus.

Hinter jeder sozialen Bewegung steht also eine gemeinsame Idee. Der Sozialismus wurde aber nicht in den Sechzigerjahren erfunden.

In der Nachkriegszeit entstanden Gruppierungen und Organisationen innerhalb der Linken, die sich von älteren Strukturen und Ideen abgrenzen wollten. Auf ideologischer Ebene wurde das Individuum ins Zentrum gerückt, Demokratisierung und der Einbezug der Basis wurden stärker verlangt, der Aktionismus sollte starre Organisationsformen ersetzen. Diese Entwicklung kulminierte um das Jahr 68 in der Neuen Linken.

Wie reagierte die alte Garde?

Eher ablehnend. In Deutschland beispielsweise wurden Unvereinbarkeitsbeschlüsse gefällt: wer beim SDS, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund,  Mitglied war, durfte nicht gleichzeitig Mitglied der SPD sein. In der Schweiz wurde die junge Sektion der PdA aufgelöst. Dieses Verhalten war weit verbreitet und führte zur Entstehung von unabhängigen neuen Organisationen.


Christian Kollers Forschungsschwerpunkte sind unter anderem soziale Bewegungen, Kulturgeschichte der ArbeiterInnen und die Geschichte des Sports. Ausserdem befasst er sich mit der Begriffsgeschichte des Nationalismus, Rassismus und Faschismus. Von 2007 bis 2009 war er inhaber des snf-projekts «kulturgeschichte des streikens». Für Fussballbegeisterte ist sicherlich seine letzte Publikation interessant: «4 zu 2: Die goldene Zeit des Schweizer Fussballs 1918–1939.»

Studierende spielten innerhalb der Bewegung eine grosse Rolle. Eine Minderheit, die sich die Zeit für Proteste leisten konnte. War es schlussendlich ein elitärer Revolutionsversuch?

Die Proteste und Diskussionen fanden anfänglich an den Hochschulen statt, bildungspolitische und universitäre Anliegen waren wichtig. Die Unipolitik wurde von verschiedenen, ideologisch definierten Gruppierungen bestritten. Das bedeutet noch nicht, dass die Bewegung elitär war. Die allermeisten sozialen Bewegungen sind von Minderheiten getragen. In demokratischen Systemen kommt es in der Regel eher zum Regierungswechsel, wenn eine Mehrheit hinter einer bestimmten Haltung steht. Das industrielle Proletariat war 68 nicht mehr das revolutionäre Subjekt, dies auch, weil die Idee des Proletariats sich geändert hatte. Die Studierenden sahen sich selbst auch als einen Teil davon, der gemeinsam mit den ArbeiterInnen gegen das Establishment kämpfte.

Was passierte in der Schweiz?

Allgemein kann man sagen, dass die Bewegung in der Schweiz ziemlich spät und leise ankam. An den Hochschulen gab es Demonstrationen, sie waren aber eher unspektakulär. Bei Veranstaltungen wurden ausländische RednerInnen eingeladen, Führungsfiguren aus der Schweiz gab es kaum. Zürich war Schauplatz des Globuskrawalls, der sich zwar in die 68er Protestwelle eingliedern lässt, aber sich an einem lokalpolitischen Thema, der Forderung nach einem Jugendzentrum, entzündete. Die innenpolitischen Konflikte in der Schweiz waren nicht stark genug, um zu Eskalationen wie in anderen Ländern zu führen. Wäre die Schwarzenbach-Initiative bereits 68 zur Abstimmung gekommen, wäre die Protestbewegung möglicherweise stärker gewesen.

Christoph Blocher nennt sich selbst einen 68er, nur von der anderen Sorte. Gab es eine Gegenbewegung von rechts?

Oft löst eine Bewegung eine Gegenbewegung aus, die dann bei der ursprünglichen bedient und teilweise Aktionsformen und Rhetorik übernimmt. ExponentInnen aus einer Generation haben meistens eine ähnliche Sozialisierung gehabt. Die Reaktionen sind jeweils von den eigenen Wertesystemen geprägt. Christoph Blocher sagt auch, dass die Freisinnigen für ihn zu langweilig und etabliert waren, und das hat mit dem Geist der 68er zu tun, die damaligen Linken und die heutige SVP teilen sich die Kritik am «Establishment», nur aus verschiedenen Perspektiven.

Die Welt war 1970 nicht wesentlich anders als zehn Jahre früher. Was brachte 68 überhaupt?

Der Sozialismus konnte sich nicht durchsetzen, die Reformierung des Kommunismus im Osten scheiterte ebenfalls. Aber die Gesellschaft hat sich durchaus verändert. Alternative Lebensformen, individuelle Rechte und Freiheiten, Demokratisierung und Partizipation waren wichtige Anliegen der 68er und sind Werte, die heute oft als selbstverständlich gelten. Gegen das Establishment zu sein, aktionistisch zu handeln und das Individuum ins Zentrum der Politik zu stellen, das sind durchaus Ideen aus der Bewegung. Man kann sich darüber streiten, ob diese sich auch ohne 68 etabliert hätten. Der damalige Zeitgeist hat aber Nachwirkungen bis heute.

So weit, dass heute Kollektivismus fast zum Schimpfwort verkommen und keine Bewegung mehr möglich ist?

Der bis heute dominierende Neoliberalismus steht letztlich in einer gewissen Logik zur 68. Liberale Werte in der Gesellschaft lassen sich neoliberal interpretieren. Das Individuum ist wichtig und steht über dem Kollektiv, über dem Staat. Auch hat sich die politische Kultur gewandelt, das private Leben ist Objekt des öffentlichen Diskurses geworden. Im Unterschied zu 68 gibt heute keine gelebte Alternative zu diesem Modell und das macht es schwierig, neue Utopien zu entwickeln.

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