Im Zuge der 68er-Bewegung merkten junge Schaffhauser ­Frauen bald, dass ihnen nicht nur eine konservative, sondern auch eine patriarchale Haltung den Weg Richtung ­Emanzipierung versperrte.

Nationale demonstration gegen die sexuelle ausbeutung von Frauen am 31. August 1991, hier im Mosergarten. Bilder © Bruno und Eric Bührer / Stadtarchiv

Heute treffen sich Frauen bei einer Freundin zu Hause zu Jeans- oder Tupperparties. Unter der Anleitung einer Vertreterin wird probiert, welche Hose die Kurven am besten kaschiert oder welches Gefäss am besten für die Aufbewahrung schwarzer Oliven geeignet ist.

Damals, Anfang der Siebzigerjahre, setzten sich ein paar Schaffhauserinnen in einem Kreis zusammen und probierten aus, wie ein Diaphragma eingeführt wird. Eine der Beteiligten erzählt, dass trotz Verhütungspillenboom nicht alle Frauen Hormone schlucken wollten. Und wie sie selbst kurzerhand nach Winterthur fuhr, um dort bei einem Gynäkologen in Erfahrung zu bringen, wie das mit diesem Gummiding denn nun funktioniere.

Gleichheit für alle – nur nicht für die Frauen

Es war eine Zeit, in der man(n) über den Körper der Frau bestimmte. Gynäkologische Posten waren von Männern besetzt, sexuelle Gewalt wurde totgeschwiegen und so laut wie Männer über Verhütung und Abtreibung politisierten, musste man fast meinen, sie allein hätten die ganze Schweiz in schmerzhaftesten Wehen geboren.

Doch dann brach eine Zeit der Veränderung an, bestehende Machtverhältnisse wurden hinterfragt und angegriffen. Alle Menschen waren nach neuem Zeitgeist gleichwertig. Nur wurde schnell klar: Die Frauen waren etwas weniger gleich. Das traditionelle Bild der Frau als aufopfernde Mutter und gehorsame Ehefrau hielt sich hartnäckig. Auch bei den jungen Linken hatten die Männer das Sagen, den Frauen blieb übrig, der Bewegung ein schönes Gesicht zu verleihen. «Wer zwei Mal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!» war zwar Ausdruck einer neuen sexuellen Freiheit, galt aber nur bedingt für Frauen. Die Frauen realisierten, dass sie die gesellschaftlichen Mechanismen, die sie von den Männern abhängig machten, selbst und alleine durchbrechen mussten.

Die emanzipatorischen Schaffhauserinnen

Im Juli 1974 kündigte das «Info» die neusten Mitglieder der Schaffhauser Politszene an: «Die emanzipierten Frauen sind da!» Zwei Frauengruppen, die laut Info vom Grossteil der Männerwelt belächelt oder gar angefeindet wurden, stellten sich vor: Die Frauenbefreiungsbewegung (FBB) und die aus der POCH hervorgegangene Progressive Frauengruppe. Beide Gruppierungen lehnten sich an gleichnamige Organisationen in anderen Städten der Schweiz an und forderten die umfassende Befreiung der Frau. Während jedoch die FBB die Unterdrückung der Frau als ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem betrachtete, lag für die Progressiven Frauen die Ursache im Kapitalismus. Nur in einer sozialistischen Gesellschaft, die keine Ausbeutung des Menschen durch Menschen kennt, wäre Gleichberechtigung möglich. Trotz der inhaltlichen Differenzen versicherten beide Gruppen eine Zusammenarbeit; frau wolle sich ja nicht gegenseitig bekämpfen!

1977 lösten sich die POCH-Frauen auf, um in einer grösseren Organisation, der OFRA (Organisation für die Sache der Frauen) aufzugehen. Die OFRA wurde im Rahmen eines Frauenkongresses in Zürich gegründet, an dem auch eine Schaffhauser Delegation teilnahm. Silvia Grossenbacher, Mitglied der POCH und der Progressiven Frauen, vertrat die OFRA-Schaffhausen im nationalen Vorstand. Sie erzählt, dass es in der praktischen Politik um das Recht auf Abtreibung und die Gleichstellung der Geschlechter in allen Bereichen gegangen sei und darum, Gewalt gegen Frauen anzuprangern. Vieles wurde über den konventionellen politischen Weg angestrebt, Grossenbacher nennt das Beispiel der eidgenössischen Volksinitiative für eine Mutterschaftsversicherung. Zu anderen Themen habe die OFRA Auftritte veranstaltet, um die Öffentlichkeit zu sensibilisieren.
Als Reaktion auf die Niederlage der Fristenlösungsinitiative 1977 gründete die linke Schaffhauser Frauenbewegung die INFRA, eine Frauenberatungsstelle an der Neustadt 45. Sie half bei Fragen zu Verhütung oder Eherecht und vermittelte Frauen Adressen für einen legalen Schwangerschaftsabbruch.

Ideologie in Beruf und Privatleben

Weniger auf politischer als auf privater Ebene agierte die FBB. Barbara Ackermann und Barbara Wanner, damalige Mitglieder dieser autonomen Gruppe, sind der Meinung, dass die Aufbruchsstimmung der 68er eine Frauenbewegung förderte. Doch die Aktivistinnen hatten schnell gemerkt, dass ihre Interessen auch in dieser Bewegung nicht vertreten waren und so mussten sie die Sache selbst in die Hand – oder vielmehr in die gereckte Faust – nehmen. In flammenden Artikeln forderten sie ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Und dann war da das Bedürfnis, Räume nur für Frauen zu schaffen. Auf dem Herrenacker, im Salmenstübli, trafen sich Frauen, «die erkannt haben, dass die Solidarität unter Frauen wichtig ist für ihre Emanzipation».

Im Jahr 1986 entstand im Kreis um die Informationsstelle für Frauenfragen der Plan, ein nottelefon für vergewaltigte frauen einzurichten, was es in Zürich schon seit fünf Jahren gab. Am 6. Oktober 1987 konnte das Schaffhauser Nottelefon schliesslich in Betrieb genommen werden. Das oberste Prinzip der sechs Initiantinnen war das «Zuhören». Direkte Hilfe fanden Frauen, die Gewalt erfahren hatten, ab Dezember 1987 auch im neu gegründeten Schaffhauser Frauenhaus.

«Es war für uns spannend, dass die Männer teilweise aggressiv auf unsere Frauenfeste reagierten. Unserem Selbstbewusstsein tat es gut, wenn es den Männern gestunken hat», lacht Barbara Wanner heute. Sie erzählt, wie die Frauen in dieser „Zeit der Utopien“ hofften, die Welt verändern zu können. Wie sie glaubten, sich vereinigen zu müssen, um endlich «die Hälfte des Himmels» zu bekommen. Und zwar blitzschnell.

Gegen Patriarchen im weissen Mäntelchen

Barbara Wanner betont, dass ihr das Recht auf einen selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper stets wichtig war. Sie entschloss sich aus diesem Grund, Frauenärztin zu werden, damit «nicht mehr länger irgendein Patriarch im weissen Mäntelchen hinter dem Schreibtisch sitzt und sagt, was gut für uns ist».

Seit diesem Sommer ist Wanner nun pensioniert. Sie erinnert sich an den schwierigen Einstieg in die männerdominierte Branche – in der sich etwa lange noch die Meinung gehalten hatte, man müsse Frauen ihre Gebärmutter (griechisch: hystéra) entfernen, um sie von Hysterie zu heilen. Immerhin 30 Jahre leitete Wanner schliesslich eine frauenärztliche Praxis, 20 Jahre davon war diese ein reiner Frauenbetrieb.

Für Barbara Ackermann, Bereichsleiterin für Vermittlung und Beratung im SAH Schaffhausen, fand die persönliche Emanzipation stark im Privaten statt. Sie erzählt, wie sie unter Protesten der Eltern früh von zu Hause auszog und die Kommune an der Krummgasse gründete. Wie rigide die Vorstellungen waren, was ein anständiges Mädchen zu tun und lassen hat, zeigen zwei Anekdoten aus Ackermanns Kantonsschulzeit: «Einmal wurde ich zum Rektor zitiert, weil ich Kreolen trug – das sei unschicklich. Ein anderes Mal hat man mich vorgeladen, weil ich mit meinem damaligen Freund auf dem Pausenplatz geschmust hatte.»

Ist die Welt heute für Frauen eine andere, eine bessere? Silvia Grossenbacher, Barbara Ackermann und Barbara Wanner sind sich in einem Punkt einig: Die Frauenbewegung hat im ideellen Bereich vieles erreicht, aber noch nicht alles.

Die Rechte der Frau als Selbstverständlichkeit?

Das Recht auf freien Entscheid zum Schwangerschaftsabbruch, eine der wichtigsten Forderungen der Gruppierungen, wurde ihnen 2002 mit der Fristenlösung endlich zugestanden. Erwerbstätigkeit, kulturelle und politische Betätigung von Frauen seien selbstverständlicher geworden, meint Grossenbacher und vor allem sei die Diskriminierung der Frau natürlich längst nicht mehr so offensichtlich wie 1968. Ackermann glaubt, dass in der Theorie viel gelaufen ist, in den Köpfen der Menschen aber leider noch nicht. Zu oft würden Errungenschaften, welche die Frau besserstellen, wiederholt angegriffen. So wollten erst im Februar dieses Jahres konservative Kreise die Finanzierung der Abtreibung aus dem Leistungskatalog der obligatorischen Krankenkassen streichen lassen.

Spielgruppe vor der informations­stelle für frauenfragen (INFRA) an der Neustadt 45 im Jahr 1980.

Wanner stellt eine fehlende Solidarität unter jungen Frauen fest. Es verärgert sie, wenn diese bei dem Wort «Feminismus» selbstzufrieden die Nase rümpfen. Als hätten sie vergessen, was ihre Mütter geleistet haben, als wären ihre heutigen Rechte schon immer eine Selbstverständlichkeit gewesen.

Einkommensunterschiede, die Sexualisierung der Frau und die Reduzierung auf ihr Aussehen, die Unvereinbarkeit von Karriere und Familie, sexuelle Gewalt, die Untervertretung von Frauen in Politik und Wirtschaft … Der Katalog von Diskriminierungen der Frau ist noch heute sehr, sehr umfangreich.

Warum dann wehren sich die Frauen scheinbar nicht mehr? Sind sie zu bequem geworden, um zu kämpfen oder sehen sie die Ungleichheiten gar nicht vor lauter Möglichkeiten?

Vielleicht haben sie aber auch realisiert, dass eine Gleichstellung aller nur mit dem Willen aller zu erreichen ist. Dass sich Männer und Frauen gemeinsam solidarisieren müssen, um die Frauen aus der letzten Unterdrückung zu befreien. Immerhin: Zwei Hälften geben zusammen einen ganzen Himmel.

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