Seit Anbeginn der Zeit gibt es nur eine wahre Party-Location im Winter. Sie ist hip und gruslig, die Eisdisco der KSS.

Wenn die Zamboni kommt, ruft der glühwein.

Die Scheinwerfer kündigen schon von weitem an, dass auf der Breite der Eisbär steppt. Je näher man der KSS kommt, desto stärker vibrieren die Schneeflocken in der Luft. Dann gerät auch die spektakuläre Lichtshow ins Blickfeld. Die Teenies drehen ihre Runden auf dem Eis, der Bass wummert. Die Eisdisco der KSS ist wohl die älteste und erfolgreichste Party-Reihe in der Schaffhauser Disco-Szene. Ein Muss für alle PartygängerInnen. Wir wagen es nach langer Eispause wieder aufs Feld.

Trotz des Schneeeinbruchs lassen sich die rund fünfzig DancerInnen auf Kufen nicht davon abhalten, ausgelassen auf dem Eisfeld zu feiern. Es ist der Party-Nachwuchs, der sich auf der Breite eingefunden hat. Die unverbrauchten, jungen SchaffhauserInnen lassen es auf dem Eis so richtig krachen: Sie drehen unablässig ihre Runden, bis einem ganz schwindlig wird – was auch mit dem Glühwein zusammenhängen könnte, den wir zur Einstimmung in der Chillout-Location, dem «Time-Out», an der Seite des Eisfeldes reingehauen haben.

Aus den Boxen dröhnt der heisse, brandneue Winterhit «Umbrella» von Rihanna. Davor war irgendein anderes Popsternchen der Gegenwart zu hören. Ein Musikkonzept gibt es nicht, gesteht uns der DJ, der in seinem Häuschen gegenüber der Time-Out-Bar residiert. Er selber steht auf Hip-Hop und Deep House, gewünscht werde aber Ariana Grande, Rihanna oder Beyoncé.

Trotzdem steht der Resident-DJ schon seit fünf Jahren hinter dem Pult, oder genauer, seinem Mac. «Ich bin durch einen Kollegen zu diesem Job gekommen», sagt er. «Ich finde die Eisdisco schon eine gute Sache.» Wir verlangen nach einem Selfie und fragen nach, ob er dies als Sprungbrett für noch grössere Engagements sieht. «Das will ich gar nicht», sagt er trocken.

Es gibt keinen Glühwein beim DJ

«Bitte das Eisfeld verlassen», gibt der Party-Meister durch die Lautsprecher bekannt. Die Zamboni, die Eisbearbeitungsmaschine, nähert sich dem Eisfeld. Wir entscheiden uns für eine Auszeit. Im DJ-Häuschen gibt’s nicht nur Snacks, sondern auch Glühwein – dachten wir zumindest. Die Zettel, mit der die Hütte vollgetackert ist, sind aber von irgendeinem anderen Anlass, klärt uns der DJ auf. Wir erreichen gerade noch die Time-Out-Bar, bevor die Zamboni übers Feld rutscht und das Eis die bunte Lichtshow erneut in glamourösem Glanz widerspiegelt.

Wir sind wieder auf dem Eis. Die Party wird allerdings nicht ausgelassener. Es gibt weder Pärchenfangis, noch formieren sich RaucherInnengrüppchen an den Banden. Das sei früher anders gewesen, als die Zäune noch nicht nahtlos und weniger gut bewacht gewesen seien, hatte uns der DJ vorhin noch berichtet. «Heute sind die Bänkli unterbesetzt.» Alles läuft in geregelten Bahnen. Hypnotisch drehen die Teenies ihre Runden, immer im Gegenuhrzeigersinn. Kreisverkehr in Reinform.

Plötzlich stellt sich uns ein Pinguin in den Weg und starrt uns grimmig mit seinen grossen blauen Augen an. Sein langer Schatten tanzt im psychedelischen Farbreigen. Sein sturer Blick verbietet uns die Weiterfahrt. Von den Eisbären, die eigentlich in der Überzahl sind, ist keiner mehr zu sehen.

Der Pinguin (links) und das obligate selfie der Lappi-Crew mit Sevik, dem DJ ohne DJ-Namen.

Die Jungen sind faul geworden

Wir vergessen alle Regeln und flüchten im Uhrzeigersinn zum DJ und fragen nach, was es mit diesen Eisbären und Pinguinen auf sich hat. «Die sind für die Kinder, damit sie fahren lernen können», sagt er. Wir sind von dieser Antwort nicht überzeugt. Wir wollen wissen, ob er denn eher ein Pinguin oder ein Eisbär sei. «Ein Eisbär», sagt er bestimmt und wir sind erleichtert.

Wir wollen mehr wissen und fragen nach einschneidenden Erlebnissen, er erzählt von Schlägereien, die es früher gegeben habe. «Es hatte mehr 16 bis 18-Jährige. Die sind heute zuhause und faul geworden.» Wir heben den Altersdurchschnitt erheblich, sind aber nicht ganz die Ältesten auf dem Eis. Zamboni. Glühwein.

Der Pinguin ist nicht mehr zu sehen. Dafür machen wir eine schreckliche Entdeckung. Die Eisbären sind alle an eine Hauswand gekettet – mit dem Gesicht zur Wand. Wir haben keine Ahnung, was das bedeuten soll und drehen beunruhigt im Gegenuhrzeigersinn ab.

Die Disco-Crowd ist mittlerweile kleiner geworden, erschreckend klein. Der Sound hat gewechselt, jetzt hallt Dub-Step übers Eis. Nur die Lichtshow ist wild geblieben, so wie es sich für eine  Disco gehört. Noch ist nicht Feierabend, doch die Eisfläche ist schon fast leer. Vielleicht vertreibt der Schnee die Leute. Die Zamboni kommt auch nicht mehr. Glühwein. Fussschmerzen.

Kaum ein Dutzend Teenies sind noch übrig geblieben, aber sie sind immer noch auf den Kreisverkehr konzentriert. Gespenstisch durchhaltewillig. Wir wollen uns in die Kabine in Sicherheit bringen – da steht er wieder. Der Pinguin. Er glotzt uns an und breitet seine Flügelchen aus. Man kann nicht genau erkennen, ob er hinterhältig grinst oder die blanke Wut aus seinen Augen spricht. Zum Glück haben wir uns genug Mut angetrunken.

Wir nehmen unsere letzten Kräfte zusammen, holen Anlauf und versuchen, dem Pinguin zu entkommen. Doch einem Pinguin in seinem Element entkommt man nicht. Ein Mitglied der Redaktion fehlt, als wir den Schritt auf den Korkboden machen. Dahingerafft vom blauäugigen Eismonster. Uns wird klar, weshalb die Teenies so schnell weg waren.

Dass die Eisdisco nicht mehr von ihnen überlaufen wird, ist deshalb sicher nicht die Schuld der Organisatoren. Die Crowd wird nunmal kleiner, wenn ein Pinguin gefüttert werden muss. Urteil: Grossartiges Disco-Vergnügen, aber nichts für schwache Gemüter.

Die Eisbären sind angekettet und ihrer freiheit beraubt: es ist Pinguinland, das seine Opfer fordert.

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