Er stand auf der anderen Seite: Michael E. Dreher studierte an der HSG und war Mitglied der FDP. Die 68er waren für ihn keine ­Feinde – er nahm sie schlicht nicht ernst.

Michael E. ­Dreher wurde 1944 in Schaffhausen geboren und verbrachte hier seine Jugendjahre. 1985 gründete er die Autopartei, bekannt wurde er 1988 mit dem Zitat, man solle «Linke und Grüne an die Wand nageln und mit dem flammenwerfer drüber». Von 1987 bis 1999 sass er für die Freiheitspartei, die Nachfolgerin der Autopartei, im Nationalrat. Seit 2001 ist er Mitglied der SVP.

Michael Dreher, 1968 warst Du 24 Jahre alt. Wieso bist Du kein 68er geworden?

Michael E. Dreher: Ich kokettiere gerne damit, dass ich ja auch ein alter 68er bin. Schliesslich kaufte ich 1968 mein erstes Auto.

Aber Du hast nicht für Frieden, sexuelle Befreiung und Emanzipation gekämpft wie viele Gleichaltrige.

Nein. Ich hatte meine Freunde in der Mittelschulverbindung «Scaphusia», in der FDP, im HSG-Klüngel und im Pentagon-Club. Wir – oder zumindest ich – waren sehr konservativ, wollten das Lizenziat und dann Karriere machen. Und natürlich ein gutes Auto fahren.

Später hast Du die Autopartei gegründet und mit dem Slogan «Freie Fahrt für freie Bürger» geworben. Freiheit ist für Dich seit jeher ein grosses Thema, und genau dafür haben auch die 68er gekämpft. Wieso konntest du dich nicht für ihre Ideale und Forderungen begeistern?

Ich bin in einem gutbürgerlichen Haus aufgewachsen, das ist sicherlich der Hauptgrund.

Viele 68er sind in einem gutbürgerlichen Haus aufgewachsen und fühlten sich dort erdrückt. Nicht selten war das erst der Grund dafür, dass sie rebellierten.

Ja, das stimmt wohl. Ich fühlte mich aber nie erdrückt, im Gegenteil. Die FDP war damals ein Social Club in Schaffhausen. Als ich als 24-Jähriger an den Parteiversammlungen war, lernte ich viele Exponenten der Wirtschaft kennen. Wenn wir Jungen ein Anliegen hatte, waren sie für uns da. Und in der Scaphusia war das genau so. Wogegen sollte ich da rebellieren?

Wolltest Du denn nie einfach mal ausbrechen aus dem schon sehr erwachsenen Leben, vielleicht einfach mal abschalten und einen Joint rauchen?

Gegen Rauschgift hatte ich schon immer etwas. Ich wollte zwar mal auf den kontrollierten LSD-Trip, aber das hat sich nie ergeben.

Die 68er in Schaffhausen haben aber nicht nur gekifft und gegen den Vietnamkrieg gewettert. Sie haben sich ganz gezielt engagiert. Zum Beispiel haben sie den Jugendkeller aufgebaut. Was hast Du von solchen Projekten gehalten?

Das fand ich positiv. Mein Bruder Peter war da ganz vorn mit dabei, und meine Eltern haben den Jugendkeller finanziell unterstützt.

Aber das war doch ein klassisches 68er-Projekt.

So klar war das nicht abgegrenzt. Es waren vor allem Lehrlinge, die sich dort einbrachten.

Du und Deine Gesinnungsfreunde haben sich also nicht als Gegenbewegung zu den 68ern organisiert?

Wir waren, wie gesagt, in der FDP. Aber sonst nicht weiter engagiert. Gegenbewegungen gab es eher in den Zentren, in Zürich war der Studentenring sehr aktiv und hat Gegeninformation betrieben. Das war eine grosse Sache, meine Frau Susi und viele andere befreundete Juristen waren dort mit dabei.

Wie hat man denn FDP-intern auf die 68er-Bewegung reagiert?

Wir sagten uns: «Das kommt und geht. Die Leute sollen ihre Meinung ruhig mal rauslassen und in fünf Jahren brauchen sie dann auch einen Job, und das ganze versandet wieder.» Und so ist es ja auch passiert.

Mit der sexuellen Befreiung und der Emanzipation der Frau haben die 68er aber nachhaltig etwas bewirkt.

Das waren Trends, die von Amerika kamen und ohnehin in der Luft lagen. Man kann das nicht einfach den 68ern zuschreiben. Und es war ja auch nicht alles schlecht. Ein bisschen sexuelle Befreiung hat dem verklemmten Schaffhausen sicher gut getan.

Bis 1976 hast Du in Schaffhausen gewohnt, Dein Lebensmittelpunkt war aber nach der Matura bald in Zürich und St. Gallen. Was hast Du dort für Erfahrungen mit den 68ern gemacht?

Ich half mal mit, im Zürcher Schauspielhaus einen 68er hinauszuwerfen, der Krawall machen wollte. Es lief der Urfaust und der Typ rief dauernd dazwischen. Ansonsten hatte ich in Zürich nichts damit zu tun. Und an der HSG auch nicht gross, wir waren fast alle Offiziere. Es gab nur etwa zwei oder drei 68er. Wir haben damals gesagt, wenn einer von denen einmal das HSG-Rektorat besetzen würde, bräuchten wir keine Polizei, um es zu räumen. Aber das wurde bis heute nicht nötig.

War die HSG eine Trutzburg gegen die neue Strömung?

Ja! Unumwunden! Man hat uns ja auch immer gesagt, was wir für eine Elite seien. Und in diesem Alter waren wir dafür natürlich besonders empfänglich. Wir sassen in Anzug und Krawatte in der Vorlesung, das war normal. Und wir hatten ein Milieu, in welchem wir an der Kaffeebar jeden Professor ansprechen konnten. Da herrschte College-Atmosphäre, ganz anders als beispielsweise in Zürich, wo sich ja auch der Widerstand formiert hatte.

Hattest Du Freunde, die irgendwann mit den 68ern sympathisiert und das Milieu gewechselt haben?

Nicht dass ich wüsste. Wir hatten ja ziemlich festgefahrene Meinungen, gerade zum Vietnamkrieg, den die 68er kategorisch ablehnten. In unseren Augen waren die USA die Guten, weil sie uns vor dem Sowjetkommunismus beschützten. Erst viel später, als ich etwa 50 Jahre alt war und «Tod im Reisfeld» von Peter Scholl-Latour las, realisierte ich, was für Schweinereien die Amerikaner in Vietnam abgezogen hatten. Und Ho Chi Minh wollte ja eigentlich nur die Ausländer draussen haben. Aber wie gesagt, damals waren wir total pro USA.

Er trug die Haare kurz: Michael E. Dreher in jungen Jahren in Leutnants-Uniform neben seinem fiat 2300 ghia coupé.

Hast Du das damals nie hinterfragt?

Wir HSG-Studenten – wie übrigens die meisten Zeitgenossen – waren totale Opfer der amerikanischen Kriegspropaganda, das ist nicht wegzudiskutieren. Wir fragten uns eher, wieso die Amerikaner nicht einfach einen Atombombengürtel zwischen Nord- und Südvietnam legten. Das hat uns interessiert. Vielleicht haben uns auch deshalb die paar Langhaarigen auf unseren Strassen nicht wirklich gekümmert.

Du warst später einige Jahre in den USA und in Ostasien. Aber der Bezug zu Schaffhausen riss nie ab. Auch wegen der Scaphusia, wo Du sehr aktiv warst. In der Verbindung gab es im Zuge der 68er-Bewegung auch Reformversuche. Hast Du das als Gefahr gesehen?

Mehr als Ansporn. Wir haben leidenschaftliche Diskussionen geführt. Das war virulent, aber es ging meist um Weltpolitik, nicht um Lokales.

Im Lokalen war man sich einig?

Nein, es interessierte einfach nicht. Im Alltag war man nicht ideologisch. Ich fragte beispielsweise mal einen Gewerkschaftssekretär an, ob ich Büsche, die vor dem Haus des SMUV standen und nicht mehr gebraucht wurden, haben könne. Er war sogar froh, dass ich sie abholte. Die politische Gesinnung spielte da keine Rolle. Und Walther Bringolf war eine Persönlichkeit von internationalem Format, ich liess ihn sogar in meinem Lancia Flaminia GT Touring Coupé mitfahren.

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