Vor einigen Jahren wollte Walter Hotz Chef eines städtischen Altersheims werden. Heute schimpft der SVP-Parlamentarier wie kein Zweiter gegen den Beamtenstaat. Das Porträt eines Janusköpfigen.

Als er die Treppe hinabsteigt, zurück ins Wohnzimmer, balanciert er auf seinen Unterarmen einen dicken Stapel Akten. Es ist das Dossier zum Stadion-Referendum. «Dort oben stehen noch viel mehr solcher Papiertürme, man kann die gar nicht mehr zählen», sagt seine Frau Margrit mit einem liebevollen Seufzer.

Dort oben, in seinem Büro in einem schmucken Einfamilienhaus mit viel Holz und viel Glas auf der Breite, wird die Obsession von Walter Hotz sichtbar. Es ist ein kleines Archiv der neueren Schaffhauser Lokalpolitik, das er in vielen Jahren als Kantonsrat und Grossstadtrat zusammengetragen hat. Akribisch bewahrt er die Dokumente auf, irgendwann könnten sie ihm ja nochmal nützlich sein. Vielleicht zur Vorbereitung auf eines seiner zornigen Voten im Parlament, wo er ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten – gerne auch gegen die Haltung der eigenen Partei – benennt, was seiner Meinung nach alles falsch läuft.

Es gibt zwei Walter Hotz

Trifft man Walter Hotz privat, ist von dieser Rage nichts zu spüren. Ein freundlicher älterer Herr mit kurzen, schneeweissen Haaren öffnet die schwere Haustür und bittet an den weiss gedeckten Stubentisch. Seine Frau, schwarzer Einteiler, tadellose Frisur, serviert Bier aus einer Kleinbrauerei im süddeutschen Bräunlingen, das ihr Mann dort jeweils abholen geht. Für gewöhnlich kaufe er nicht ennet der Grenze ein, sagt er, aber das Bier schmecke ihm und seiner Frau halt so gut. Dann geht sie in den Keller und holt zur Sicherheit noch ein paar Flaschen. «Küche und Vorratsraum sind ihr Revier», erklärt Walter Hotz mit ernster Miene, und um die Einrichtung der Wohnung kümmere sich ebenfalls seine Frau. Aber auch er beweist Geschmack: Das unfiltrierte Pils aus der Bräunlinger Löwenbrauerei schmeckt sanft und fruchtig.

Es sind zwei konträre Charaktere, die Walter Hotz seiner Umwelt präsentiert. Der eine Hotz ist einfühlsam, empathisch, offen beantwortet er auch persönliche Fragen zu seinem Leben. Der andere Hotz, der streitlustige Polteri auf der Politbühne, wirkt kalt und unnahbar. Doch beide sind echt.

«Ich hätte es oft einfacher haben können», sagt er wohlüberlegt. Als das Schaffhauser Stimmvolk kürzlich über den Zwei-Millionen-Beitrag der Stadt ans neue Fussballstadion abgestimmt hat, tat es das hauptsächlich wegen ihm, sehr zum Leidwesen von FCS-Chef Aniello Fontana, den Hotz noch aus Jugendzeiten kennt. Praktisch im Alleingang hat er das Referendum erwirkt, war sich nicht zu schade, auf dem kalten Fronwagplatz Unterschriften zu sammeln.

Seine Frau kommt zurück und schenkt Bier nach. «Beim Unterschriftensammeln musste sogar Margrit in die Hosen steigen», sagt Walter Hotz. Er selbst trinkt jetzt nichts mehr, er muss später noch fahren.

Auf dem unbequemen Weg

Die Rolle als Einzelkämpfer zieht sich wie ein roter Faden durch seine politische Biographie. Bereits vor zwölf Jahren, als das potentielle Endlager in Benken erstmals zur Disposition stand, sprach er sich in einer flammenden Rede dezidiert gegen den «egoistischen Aufruf zum Widerstand» aus und verärgerte dabei alle, bis tief in die eigene Partei hinein – damals war das noch die FDP. Er sei ein verdeckter Nagra-Mann, hat man ihm vorgeworfen. «Dabei war ich schlicht und einfach überzeugt von der Kernenergie», sagt Hotz. Das sei er übrigens heute noch, und er finde, dazu müsse man auch stehen. Hotz nimmt bewusst in Kauf, anzuecken, wenn er dafür seine Überzeugungen nicht verraten muss. Hat er, wie Christoph Blocher, einen «Auftrag»? «Ich sage einfach etwas, wenn es sein muss», sagt er lapidar. «Manchmal regt es mich selber auf, dass ich den Mund nicht halten kann. Aber nichts zu sagen wäre ja auch nicht ehrlich.» Dass er manchmal belächelt wird und RatskollegInnen bereits die Augen rollen, wenn er aufsteht und zum Rednerpult schreitet, sei ihm sowieso egal. Auch dass mittlerweile gewisse Vorstösse a priori abgewiesen werden, nur weil sie aus seiner Feder stammen, mache ihm nicht zu schaffen.

Hotz’ zweites grosses Hobby neben der Politik ist die Musik. Er ist gründer und Kopf der jazzkapelle «munot ­dixie stompers». Auch hier funktioniert Walter Hotz anders als im Parlament: Er spielt sich mit seinem Kontrabass nicht in den Vordergrund, sondern hält im Hintergrund die Fäden zusammen. «Eine Band zu gründen ist schwieriger als eine Firma zu leiten», sagt er. Und in Bezug auf die Politik: «In der Musik bekomme ich manchmal sogar Applaus.»

In einer Partei, die als Kollektiv funktionieren muss, kommt sein kompromissloses Gebaren natürlich nicht immer gut an. Bei der FDP gipfelte das im Jahr 2012 in seinem Austritt. Es war bereits sein zweiter. Zur FDP stiess er erst, als seine erste politische Heimat, der Landesring der Unabhängigen (LdU), kurz vor dem Ende stand. Nun also ein erneuter Wechsel. Der ehemalige FDP-Präsident Marcel Sonderegger sagt, Hotz habe schon immer eine starke Meinung gehabt, und das sei ja auch gut so. Aber die FDP sei eben eine Partei mit vielen Alphatieren, da müsse man sich auch mal zurücknehmen können. Der Austritt von Walter Hotz sei aber eher in inhaltlichen Differenzen begründet gewesen. Aus dessen Mund tönt das anders: Er habe von einer Drittperson erfahren, dass man ihn aus der Partei werfen wolle, weil man ihn für unfähig hielt, im Team zu arbeiten. Er soll der Partei geschadet haben. «Mein Sohn Florian hat mir dann gesagt, ich solle jetzt nicht klein beigeben, indem ich selber austrete. ‹Wenn sie dich weghaben wollen, dann sollen sie dich rauswerfen, ganz offiziell an einer Parteiversammlung›». Wieder wählte Walter Hotz den unbequemen Weg. Doch es geschah nichts, also trat er etwas später doch selbst aus und schloss sich der SVP an.

Mit 63 Jahren Revolution gespielt

Hotz legt viel Wert auf die Meinung seines Sohnes, die beiden pflegen ein enges Verhältnis. Florian Hotz, FDP-Kantonsrat, ist wie sein Vater als angriffslustiger Redner bekannt. Das Haus, das Vater und Mutter bewohnen und das Walter Hotz einst selbst gebaut hatte, gehört mittlerweile ihm. «Meine Frau und ich sind nur noch geduldet», lacht Vater Hotz. Fast jedes Wochenende kommt Florian, der in St. Gallen arbeitet und an der Universität unterrichtet, nach Hause. «Er wäre ein besserer ­Exekutivpolitiker als ich es je sein könnte», sagt Walter über Florian und deutet damit an, was schon andere behauptet haben: Walter Hotz kann es sich leisten, zu polarisieren und die Leute zu verärgern, weil er mit seinen 68 Jahren keine politischen Ambitionen mehr hegt. Diese überlässt er seinem Sohn, den er behutsam aufgebaut hat.

Hotz gab sich auch als Mentor, als er mit drei Jungpolitikern 2010 die bürgerlich-liberale Fraktion im Grossen Stadtrat gründete und dafür aus der FDP-Fraktion austrat – zwei Jahre bevor er ganz mit der Partei gebrochen hat. Die neue Fraktion währte nicht lange, doch SP-Grossstadtrat Urs Tanner sagt rückblickend, während dieser Zeit habe Hotz bewiesen, dass er im Stande sei, den ganzen Ratsbetrieb lahmzulegen. Für den damals 63-Jährigen war es eine Blütezeit, zusammen mit drei Mitstreitern in den Zwanzigern machte er richtig Radau. Wenn man ihn fragt, ob er da nicht schon zu alt gewesen sei für solche Revoluzzerspielchen, bleibt er ernst: «Es ging da einzig und allein um die Sache. Die FDP war mir schlicht nicht mehr staatskritisch genug».

Der Staat – genauer: der Beamtenstaat – ist das grosse Thema für den Politiker Walter Hotz. Der Stadtrat sein ärgster Feind. Allen voran der ehemalige Stadtpräsident Thomas Feurer, «ein Blender», wie er ihn nennt. Doch auch auf dessen Vorgänger Marcel Wenger kommt Hotz sofort zu sprechen, wenn man ihn nach seinen politischen Widersachern fragt.

Man müsse seinen beruflichen Werdegang kennen, wenn man seine Abneigung gegen den Beamtenstaat verstehen wolle, sagt er: Lehre als Feinmechaniker, fünf Jahre Arbeiterdasein – «ich weiss, wie man eine Stempeluhr bedient» –, danach Abendhandelsschule und Verkaufsleiterschule – «selber finanziert». Dann Übernahme der Sapi AG, Spezialistin für Hydraulik, Systemtechnik und Robotik. Walter Hotz stellt sich als klassischen KMU-Mann dar, als einen, der sich hochgearbeitet und seinen Sohn an die Kanti geschickt hat, wo er selbst auch gern hingegangen wäre. Er habe sich seinen Aufstieg redlich verdient und keine Almosen genommen, im Gegensatz zu vielen seiner politischen Gegner: «Die Hälfte der Stadtparlamentarier ist doch vom Staat abhängig und macht sich auf dessen Kosten ein schönes Leben», sagt er. Seine Stirn liegt jetzt in Falten, die Augen sind klein und der Körper beginnt leicht zu beben. Nur die Stimme bleibt gemächlich, gleichförmig. Man erkennt für einen kurzen Augenblick dieses Feuer in ihm, das man auch im Parlament immer wieder sieht, wenn er zu einer seiner manchmal wirren Wutreden ansetzt.

Fast selbst ein Beamter

Vielleicht hätte sich sein Hass auf den Staat nicht derart ausgeprägt, hätte Walter Hotz vor Jahren die Stelle als Chef des Altersheims Kirchhofplatz bekommen, auf die er sich beworben hatte. Dann wäre er selber Beamter geworden, ein Günstling des Staates. Doch der Stadtrat nahm einen anderen. Kritiker sagen, deshalb sei er so verroht. Er schiesse so scharf gegen den Stadtrat, um Rache zu nehmen.

Hotz bestätigt die Episode nach einigem Überlegen. Vor sieben Jahren habe er sich dort beworben, nachdem er einen Teilbereich der Sapi AG verkauft und sich überlegt hatte, den anderen Teil auch loszuwerden. Das sei aber nicht der Grund für seine Abneigung dem Stadtrat gegenüber. «Ausserdem ist das sowieso kalter Kaffee! Und überhaupt, wer hat das erzählt?», fragt er erzürnt. Eine solche interne Angelegenheit hätte gar nicht erst nach aussen dringen dürfen – für ihn ist klar: eine «Indiskretion des Stadtrats».

Er selbst hat es mit der Diskretion jedoch auch nicht immer so genau genommen. Freimütig hat er eben noch erzählt, dass er einst interne Stadtratsprotokolle zugespielt bekommen habe – vertrauliche Bewertungen von Chefbeamten. Die Informationen habe er benutzt für eine wütende Rede im Grossen Stadtrat. Daraufhin wurde eine Aufsichtsbeschwerde wegen Amtsgeheimnisverletzung gegen Unbekannt eingereicht. Hotz musste bei der Polizei aussagen. Wer ihm die Dokumente geliefert hatte, blieb im Dunkeln. Bereuen tut er die Affäre nicht: «Was der Stadtrat da gemacht hat, war hanebüchen. Das musste publik werden.» Seine eigenen moralischen Vorstellungen sind Hotz in solchen Fragen wichtiger als das Gesetz. «Er ist ein liberaler Anarchist», findet Urs Tanner, einer seiner härtesten politischen Gegenspieler, und schiebt nach, dass er das nicht negativ meine, obwohl die Voten von Hotz inhaltlich oft total absurd seien. «Ohne solche Leute wäre der Ratsbetrieb um einiges ärmer.»

Hotz’ ehemaliger Mitstreiter Marcel Sonderegger sieht in ihm eine Art modernen Robin Hood. Das zeige sich an den vielen Mails und Anrufen von Bürgern, die mit den verschiedensten Anliegen auf ihn zugehen. Aktuellstes Beispiel ist das Referendum gegen den Beitrag ans Stadion. Ein Bürger wandte sich an Hotz, und der machte dann Nägel mit Köpfen. Die Leute wissen, dass er sich ihren Problemen auch annimmt, wenn es – anders als beim Stadionreferendum – mal keine Medaille zu gewinnen gibt.

Dann muss Walter Hotz auch schon wieder weg, er ist noch mit seinem Sohn verabredet. Seine Frau gibt ihm noch einige Anzüge und Hemden für Florian mit, frisch gereinigt und gebügelt. Die packt er behutsam in seinen schwarzen Mercedes. Margrit ruft aus dem Fenster, er solle nicht zu schnell fahren, die Strassen seien eisig. Hotz nickt wortlos, steigt ein und fährt los.

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