Die Wirtschaftsförderer Marcus Cajacob und Patrick Schenk erklären, mit welchen Argumenten sie internationale Konzerne nach Schaffhausen bringen und wie sie auch ohne «Paradies»-Kampagne ZuzügerInnen anlocken wollen.

marcus cajacob begann seine Karriere bei der Cilag, ist diplomierter Ingenieur und als Projektleiter der Wirtschaftsförderung für die Ansiedlung von Firmen verantwortlich. patrick schenk hat nach der Matura an der Universität St. Gallen Ökonomie studiert und ist bei der Generis AG mit der Leitung von Regional- und Standortentwicklungsprojekten betraut.

Marcus Cajacob und Patrick Schenk, Sie beide sind Familienväter. Ist Schaffhausen attraktiv genug für Familien?

Schenk: Ja, denn Schaffhausen ist eine Stadt mit vielen Angeboten und von einer attraktiven Landschaft umgeben. Eine grosse Stärke ist der bezahlbare Wohnraum. Die Schulen sind gut, obwohl es sicher Optimierungspotenzial gibt.

Von jungen Eltern hört man aber auch Kritik, weil Schaffhausen bei familienergänzenden Strukturen im Hintertreffen ist. Setzt sich die Wirtschaftsförderung hier für eine Verbesserung ein?

Cajacob: Wir haben das über Jahre gefordert, aber es ist letztlich ein politischer Entscheid und auch eine Frage des Geldes.

Schenk: Das wird wohl noch Zeit brauchen, solche Entwicklungen dauern in Schaffhausen etwas länger als in Zürich oder Basel mit grösseren urbanen Strukturen.

Cajacob: Das Einführen von Tagesstrukturen wäre aber eigentliches Wohnortmarketing. Gute Angebote in diesem Bereich tragen zur Attraktivität bei – neben anderen Faktoren und dem allgemeinen Image der Region. Lange sagte man ja, Schaffhausen habe kein Image.

Dieses Image hat man während sechs Jahren mit der «Paradies»-Kampagne zu schaffen versucht – nun sind die Mittel für diese Kampagne gestrichen. Wie können Sie ohne finanzielle Mittel NeuzuzügerInnen anlocken?

Schenk: Die breite Werbung gegen aussen wurde eingestellt, aber das heisst nicht, dass wir im Wohnortmarketing nicht mehr aktiv sein können. Beispielsweise mit Newslettern oder der Mitorganisation von Sprungbrettevents für Hochschulabsolventen können wir weiterhin Leute erreichen – allerdings eher bestimmte Zielgruppen und nicht mehr die breite Öffentlichkeit.

«Ich kenne keine Schwäche»

Cajacob: Ausserdem sorgen wir dafür, dass Relocation-Firmen den Kanton Schaffhausen besser kennen, damit sie Neuzuzüger in der Wohnungssuche optimal begleiten und unterstützen können.

Reicht das, um den gesetzlichen Auftrag zu erfüllen, die Vorzüge Schaffhausens überregional bekannt zu machen?

Cajacob: Neben dem gesetzlichen Auftrag gibt auch der finanzielle Spielraum den Umfang unserer Tätigkeit vor. Bis das Kantonsbudget gemacht ist, wissen wir jeweils nicht, wie viel Geld wir im nächsten Jahr zur Verfügung haben. Wegen des Budgetreferendums wissen wir nicht einmal, was für 2015 gilt.

Sprechen wir über eine Kernaufgabe der Wirtschaftsförderung: Das Ansiedeln von Unternehmen. Welches sind die zentralen Vorteile der Region, die Sie einer Firma anpreisen?

Cajacob: Ein Standort in der Schweiz mit ihrer politischen Stabilität, die Nähe zum Flughafen und ein Wohnort, für den internationale Mitarbeiter gefunden werden können.

Nun haben Sie die tiefe Steuerbelastung nicht erwähnt.

Cajacob: In diesem Punkt sind wir auch nicht mehr so attraktiv wie früher. Andere Kantone haben uns überholt und wir befinden uns in der zweiten Hälfte der Rangliste.


Nach einem entsprechenden Vorstoss des damaligen SP-Kantonsrates Hans-Jürg Fehr beschloss der Kanton Schaffhausen 1997 die schaffung einer wirtschaftsförderungsstelle. Dieses Mandat wird seither von der Generis AG übernommen, die dafür vom Kanton jährlich 3,2 Millionen Franken zur Verfügung hat. Sie versteht ihre Aufgabe als «Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft». Die Leitung der Wirtschaftsförderung wird am 1. Mai von Thomas Holenstein an Christoph Schärrer übergeben.

Welches ist die grösste Schwäche?

Schenk: Die Mutlosigkeit der Gesellschaft, Visionen zu wagen und Neues zu ermöglichen.

Cajacob: Der Munot könnte heute nicht mehr gebaut werden.

Marcus Cajacob, was ist für Sie die grösste Schwäche?

Cajacob: Eine wirkliche Schwäche kenne ich nicht. Das hat aber vielleicht auch mit meinem Job zu tun: Ich vermarkte Schaffhausen seit 15 Jahren als Wirtschafts- und Wohnstandort und sehe deshalb, dass wir gut positioniert sind.

Wie muss man sich die Verhandlungen zwischen der Wirtschaftsförderung und einer anzusiedelnden Firma vorstellen?

Cajacob: In den meisten Fällen geht der Kontakt von einer internationalen Firma aus, die in Europa etwas neues aufbauen oder ihre Kosten reduzieren will. Diese Firmen geben einem Berater den Auftrag, verschiedene Standorte zu evaluieren. Zu unserem Job gehört es deshalb, sicherzustellen, dass diese Berater den Standort Schaffhausen kennen und wissen, dass eine Ansiedlung hier unkompliziert funktioniert. Wenn die Vertreter einer Firma dann nach Schaffhausen kommen, müssen wir sie in wenigen Stunden oder sogar Minuten vom Standort überzeugen.

Können Sie in einem solchen Gespräch eine Steuererleichterung oder einen Steuererlass in die Waagschale werfen? Schliesslich entscheiden nicht Sie, sondern der Regierungsrat darüber.

«Konzerne in wenigen Minuten überzeugen»

Cajacob: Grundsätzlich ja – aber natürlich nur unter Vorbehalt eines positiven Regierungsbeschlusses. Wenn das Projekt die gesetzlichen Bedingungen erfüllt, kann die Wirtschaftsförderung bei der Regierung einen Antrag auf eine Steuererleichterung stellen, die zehn, fünfzig oder in Extremfällen sogar hundert Prozent auf den Gemeinde- und Kantonssteuern betragen kann.

Heisst die Regierung Ihre Anträge gut, oder werden Sie manchmal zurückgepfiffen?

Cajacob: Bisher wurde allen Anträge auf Steuererleichterungen, die wir gestellt haben, entsprochen. Das hat vor allem damit zu tun, dass wir mit dem Volkswirtschaftsdirektor Ernst Landolt Vorgespräche führen und die nötigen gesetzlichen Voraussetzungen für mögliche Steuererleichterungen kennen.

Eine Firma kann für bis zu zehn Jahre von den Unternehmenssteuern befreit werden, wenn sie sich verpflichtet, danach während weiteren zehn Jahren Steuern zu zahlen. Weil nur der Gewinn besteuert wird, können internationale Konzerne eine defizitäre Firma aufkaufen, so dass kein Gewinn entsteht und weiterhin keine Steuern gezahlt werden müssen.

Cajacob: Ob das so einfach geht, ist fraglich. Es ist aber eine wirtschaftliche Realität,  dass manche Firmen keine Gewinne verzeichnen. In den Leistungsvereinbarungen mit den Firmen ist deshalb immer auch eine Anzahl Vollzeitarbeitsplätze festgeschrieben, welche auch nach Ende der Steuererleichterung erhalten werden müssen. Die Region profitiert also auch wenn keine Gewinnsteuern anfallen.

Es ist schon vorgekommen, dass sich in der Staatskasse plötzlich ein grosses Loch aufgetan hat, weil mehrere grosse Firmen gleichzeitig und überraschend keinen Gewinn mehr verzeichneten. Grosse Steuereinnahmen können also ohne Vorwarnung wegfallen – eine Gefahr?

Cajacob: Ich sehe das nicht als Gefahr, sondern das entspricht dem grundlegenden System der Unternehmenssteuern. Keine Firma weiss am Anfang des Jahres, ob sie Gewinn einfahren wird.

Schenk: Und dieses Risiko besteht auch bei Unternehmen, die schon lange hier sind.

Cajacob: Dazu kommt, dass es mehrere Jahre dauern kann, bis die definitive Veranlagung für eine Firma vorliegt – ich staune, dass ein Kanton überhaupt Unternehmenssteuern einplanen kann.

Wäre es nicht sicherer und nachhaltiger, auf KMU und produzierende Unternehmen zu setzen, als auf die Headquarters internationaler Konzerne?

Cajacob: Als Ingenieur ist es mein höchstes Ziel, Produktionsunternehmen in Schaffhausen anzusiedeln. Aber wenn eine Firma heute einen neuen Produktionsstandort eröffnet, dann fast immer in Osteuropa oder in Asien, weil die Kosten in der Schweiz einfach zu hoch sind. Selbst Georg Fischer und SIG haben in den Neunzigern Teile ihrer Produktion ins Ausland verlagert und auch die Medizinaltechnikfirma Abbot hat ihren Produktionsstandort Standort in Beringen aus Kostengründen geschlossen und ihre Produktion in Puerto Rico ausgebaut.

Schenk: Ausserdem ist der Beitrag der KMU an die Unternehmenssteuereinnahmen im Vergleich zu dem, was die grossen Konzerne zahlen, relativ klein.

Wie viele Firmen profitieren derzeit von einer Steuererleichterung?

«35 Firmen haben Steuererleichterungen»

Cajacob: Mit Steuererleichterungen sind wir sehr restriktiv. Per Ende 2013 liefen insgesamt 35 Leistungsvereinbarungen zu Steuererleichterungen und 2014 kam keine weitere Firma dazu. Die Schweiz sendet Unsicherheit aus, das schadet unserer Attraktivität. Niemand kann abschätzen, wie gross die Steuerbelastung in fünf Jahren sein wird, und die Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative hat uns massiv geschadet.

Gleichzeitig führt die Tätigkeit der Wirtschaftsförderung direkt zu mehr Zuwanderung. Gibt das nicht ein grosses Problem, wenn die Masseneinwanderungsinitiative umgesetzt werden muss?

Cajacob: Ich vertraue darauf, dass die Schweiz clever genug ist, möglichst keine Kontingente einzuführen. Wenn man aufzeigen kann, dass die Arbeitslosigkeit tief ist und man die Arbeitskräfte braucht, wird die Schweiz bei der Zuwanderung den Hahn kaum zudrehen.

Sie sagten, die Attraktivität Schaffhausens im Steuerwettbewerb habe abgenommen, dieser Vorteil sei weg. Die über lange Zeit tiefe Steuerbelastung hat aber dazu geführt, dass der Kanton Schaffhausen im interkantonalen Finanzausgleich zum Geberkanton wurde, weil er sein Steuerpotenzial nicht ausschöpft. Tiefe Steuern und Steuererleichterungen kosten den Kanton also Geld.

Cajacob: Wir müssen den gesamten volkswirtschaftlichen Kontext sehen: Durch Firmenansiedlungen konnten über 3000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Diese Arbeitnehmer zahlen auch Steuern. Wenn man auf den grossen Rückgang von Arbeitsstellen vor 20 Jahren nicht reagiert hätte, wäre die Arbeitslosigkeit über Jahre hoch geblieben und uns würden heute bedeutende Steuereinnahmen von Firmen und Privaten fehlen. Mittlerweile blicken Wirtschaftsförderer aus anderen Kantonen etwas neidisch nach Schaffhausen, denn wir sind seit Jahren der Benchmark für Wirtschaftsförderung. Im Verhältnis zur Grösse des Kantons hatten wir am meisten Erfolg.

«Wir hatten am meisten Erfolg»

Schenk: Es ist auch ein Vorteil, dass bei der Schaffhauser Wirtschaftsförderung zum Teil seit 15 Jahren die gleichen Personen Ansprechpartner sind, das trägt zu einem grossen Vertrauen bei und ist wohl ein Erfolgsfaktor.

Schaffhausen hat die beste Wirtschaftsförderung der Schweiz?

Cajacob: Das hört man zumindest von anderen Wirtschaftsförderern und von der überregionalen Marketingorganisation Greater Zurich Area. Meine Berufskollegen aus anderen Kantonen staunen darüber, dass wir Firmen wie John Deere, Groupon und Tyco nach Schaffhausen holen konnten und fragen mich: Wie macht ihr das?

Und, wie machen Sie es? Stellen Sie sich vor, ich bin der Vertreter eines internationalen Konzerns und auf der Suche nach einem Standort für mein Headquarter. Wie überzeugen Sie mich?

Cajacob: Ich bringe Sie möglichst rasch mit Vertretern anderer Schaffhauser Multinationals zusammen und besuche mit Ihnen eine der grossen Firmen, die schon hier sind. So muss ich Ihnen nicht alle Vorteile selber schildern, sondern sie hören sie von Leuten mit ähnlichen Interessen.

Die Verhandlung findet aber mit Ihnen statt, was ist Ihr bestes Argument?

Cajacob: (überlegt länger). Was Sie vorhaben, funktioniert in Schaffhausen. Dafür garantiere ich.

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