Pedro Lenz bringt die Provinz und ihre Leute literarisch zum Glänzen. Bei einem Kaffee fand der Lappi heraus, wie er das macht und warum er davon fasziniert ist. Schaffhausen kennt er noch aus Kindertagen.

Pedro Lenz ist Dichter, Autor, kann eine statisch korrekte mauer aufziehen und hat eine Ahnung von spanischer Literatur. Seit 2001 begeistert er mit seinen Geschichten über den Alltag und wie man sich als relativ normaler Mensch damit arrangiert.

Das Fenster oberhalb des Restaurants «Flügelrad» in Olten, gleich hinter den Bahngeleisen, geht auf, und Pedro ruft runter, dass die Beiz grad zu sei. Wir müssten uns was anderes für den Kaffeeklatsch suchen. Im Gleis 13, keine 50 Meter entfernt, finden wir Platz. Pedro muss später nach Adelboden für einen Auftritt, und mit einer seiner Kolumnen ist er auch im Verzug, aber der Espresso muss jetzt sein. Neben den Lesungen sei er gerade mit dem Film «Mitten ins Land» auf Kinotour, erzählt er. «Die zwei Filmemacher wollten einen kleinen Dokumentarfilm über Olten drehen, hier ist die Stunde Null des Bahnverkehrs, der Mittelpunkt des Landes. Daraus ist dann ein Porträt über die Stadt und einige Bewohner entstanden.»

Der Bahnhof teilt Olten in zwei Seiten. Auf der einen sind die Stadtbauten, auf der anderen die Arbeiterquartiere. Spitzbübisch erklärt Pedro uns die Philosophie der Stadt «Wir wohnen auf der B-Side, wie auf Singeli (Singles auf Vinyl) – es gibt die A- und die B-Side. Und auf der B-Side sind oft die besseren Stücke. Wir wohnen auf der B-Side.»

Pedro wohnt seit einigen Jahren hier, aufgewachsen ist er allerdings in Langenthal, einer weiteren Bastion provinzieller Romantik, die sich zwischen ehemaligen Industriegeländen und Plattenbauten ausbreitet. Romantik, die Pedro Lenz in seinen Büchern zelebriert und seine LeserInnen in den Bann alltäglicher Geschichten zieht.

Die Provinz ist in Pedro Lenz’ Texten omnipräsent. Sie ist Schauplatz und Inhalt zugleich, der Autor sieht das als Verteidigung seines Lebensraums. «Ich habe in Städten gewohnt, mal in Zürich, oder ein halbes Jahr in Glasgow, und musste feststellen, dass wir alles über Städter wissen, Städter aber nichts über uns. Eine von meinen Überlegungen dazu war, dass wir, weil wir an einem kleinen Ort aufwachsen, gezwungen sind, mit allen Leuten in Kontakt zu treten. Wir haben einen Verein, nämlich den Turnverein, und eine Beiz wo die Jungen hingehen. So ist man quasi von Anfang an – das ist meine Theorie – weltoffener. An einem grösseren Ort kann man dem, was man nicht kennt, aus dem Weg gehen.» Aufgewachsen sei er in einer Gemeinschaft, in welcher niemand sagen konnte, «wie ich bin, so ist es normal». Man habe gewusst, dass Normalität relativ ist.

«SchaffhauserInnen sind wiffer»

Zu seiner Kindheit gehörten auch Familienbesuche in Schaffhausen. Seine Tante wohnte am Reithallenweg, oben auf dem Geissberg. Die Stadt und die Gegend gefielen ihm schon damals. Seit er als Künstler durch die Schweiz pendelt, macht er wieder regelmässig Halt am oberen Rand des Landes. Seine Auftritte in der Kammgarn und im Haberhaus hat er in guter Erinnerung, auch wenn er die Namen der Lokale nicht immer behalten kann. Bei über 200 Auftritten im Jahr ist das auch nicht weiter verwunderlich. Trotzdem will er seine Tour nicht auf grössere Spielstätten beschränken. «Die Menschen freut’s ungemein, wenn man als Künstler in ihrer Nähe auftritt. Sie fühlen sich ernst genommen und so nehmen sie auch mich ernst.» Nebst den freundlichen Worten zu unserer kleinen Stadt hat er eine Meinung zu Schaffhausen, die uns im ersten Moment auflachen lässt: «Ich finde, ihr seid etwas wiffer als wir. Die Gefahr zu verschweizern ist etwas kleiner. Die Randlage macht etwas mit einem. Ihr könnt nicht sagen, es gibt nur uns, und nicht nur wegen dem Euroshopping. Der Konservativismus ist zwar da, den gibt es aber in jeder kleinen und grossen Stadt in der Schweiz.»

«der goalie bin ig» ist Lenz’ grösster Erfolg und wurde aus dem Oberaargauischen in viele Sprachen übersetzt, auch ins Hochdeutsche, wo der Goalie ein Keeper ist.

Die Nähe Schaffhausens zu Deutschland ist für Pedro ein Grund, sich jenseits politischer Diskussionen bewusst zu sein, dass Grenzen nicht nur Einzäunen bedeuten, sondern auch, dass dahinter noch was ist: Menschen, mit denen man entlang dieser Grenze lebt. «Das Mitenand spielt eine grosse Rolle, auch wenn man es sich nicht eingesteht.» Offenheit als Charakterzug unserer Region hätten wir nicht erwartet. Dass Pedro Lenz Schaffhausen so sieht, liegt vielleicht auch daran, dass er den Blick für die kleinen Dinge hat und einer gewissen Banalität durchaus Positives abgewinnen kann.

Weniger Anonymität sowie Toleranz sind für Pedro Lenz wichtige Qualitäten, und er findet sie immer wieder abseits rasender Städte. «Wir sind vielleicht bei der Mode etwas hinterher, aber das stört niemanden. Heute sind wir stets miteinander verbunden, kommen extrem schnell woanders hin. Wer in der Provinz wohnt, ist deswegen nicht weltfremd.» Menschen hätten sowieso das Bedürfnis nach überschaubaren Räumen, ob im Dorf oder in der Millionenstadt: Man suche sich Anhaltspunkte, eine Lieblingsbeiz, den Kiosk für die tägliche Ration Zeitung und Zigis. Urbanität sei für ihn letzten Endes eher Lifestyle.

So lebt Pedro Lenz, und so lässt er seine Figuren leben. Erfinden müsse er dabei nicht viel: «Ich erinnere mich an Sätze, die lege ich dann einer Figur in dem Mund, die der Person gleicht.» Seine Charaktere bestechen durch ihre Ehrlichkeit und sind durchaus fähig, Tiefgang zu entwickeln. Die Alltagsphilosophie beschränkt sich nicht nur auf die literarischen Dialoge, Pedro Lenz spricht so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und sein Dialekt ist wunderbar rhythmisch und klangvoll.

Gegen unsere Mundart hat der Poet aus dem Oberargaau nichts, im Gegensatz zu vielen, die südlich des Rheins leben. «Ich höre Mathias Gnädinger oder Gabriel Vetter gerne zu, wenn sie schaffhausern. Nur weil ihr spitze Vokale und wir offene haben – wer sagt, dass mir offene Vokale besser gefallen müssen?» Er nennt es eine selbsterfüllende Prophezeiung: Wenn man behaupte, Dialekte aus der Ostschweiz seien feindseliger, würden sie auch so empfunden. «Mich beleidigt das fast, wenn jemand sagt, du schreibst auf Berndeutsch, das haben die Leute eh gern. Als würde die Sprache die Geschichten selber schreiben. Die Vielfalt, die ewigen Varianten vom eigentlich fast Gleichen, das gefällt mir. Dass wir uns alle – trotz den vielen Prägungen – verstehen, ist ein kultureller Mehrwert.»

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