Auslese

Hermann Burger – Tractatus Logico-Suicidalis. Über die Selbsttötung.

Man könnte sich den Freitod als literarischen Ort vorstellen, als Ort, dessen Eingang wohl durch ein Kellerloch führt, worauf alsbald durch neblige Weiten auf dunklen Flüssen trunkene Fährmänner ziehen, metallischen Geschmack meint man auf der Zunge zu spüren, ein Ort, an dem durch Stürme entblätterte Rosen wachsen und kleine Astern die Ufer zieren. Vielleicht irrlichtert so manche Schar junger Leidender umher.

Die der Selbsttötung gewidmete Schrift des Literaten Hermann Burger verwebt in einer Manier der Verweisstruktur auf literarische Topoi und philosophische Diskurse das Denken über den Freitod zu einem archivarisch anmutenden Ganzen – in 1046 Aphorismen nämlich, die in der Weise eines arbiträren und doch auf gewisse Art konsekutiven Strömen des Bewusstseins aneinandergeheftet sind.

J.W. von Goethe: «die leiden des jungen werther», in erster Fassung.
Jean Améry: «hand an sich legen. diskurs über den freitod.»
Gottfried Benn: «morgue»

Diesem eigentlichen Werk – den gesammelten fragmentarischen Reflexionen über den Freitod – schreibt auf wenigen Seiten eine vorangestellte Erzählung in versiertem narratologischem Muster den zugehörigen Mythos von der angeblichen Auffindung und Überlieferung der Fragmente des Amandus Conte Castello Ferrari ein (beachtet sei hierbei die gelinde Subtilität der alter-ego Struktur Amandus Conte Castello aka Hermann Burger): «Ich, Amandus Conte Castello Ferrari, so mein Artistenname als Adept der hohen Magie, bin zuerst durch die rote, dann durch die schwarze, dann durch die weisse Hölle gegangen, ich habe hinter die Kulissen meiner Existenz und vielleicht auch der Menschheit geblickt und will, so genau, als es mein durch Medikamente ramponiertes Gedächtnis erlaubt, zu Protokoll geben, was ich weiss.»

Was er generalisiert über den Tod und spezifisch über die Selbsttötung also zu wissen gedenkt, dieser Herr, offenbart sich zunächst auf elegante Weise in seiner Kenntnis der philosophischen und künstlerischen Auseinandersetzung mit ebendiesem Motiv: raffiniert werden die hohen Kunden der Suizidologie und Suizidographie zwischen sprunghaften Exkursen in Reflexionen von E. M. Cioran oder Jean Améry platziert und durch literarische Gesten von Camus oder der Fabel des Houdini unterstrichen und auf unzählige Motive der Künste und Wissenschaften referiert. Dass es keinen natürlichen Tod gebe, proklamieren die Fragmente zu Beginn, und schliessen mit der Erkenntnis, dass der Selbstmord eine zum Erbleichen exzessive Handlung sei.

Der Tod des Autors, der die geneigten Lesenden zu Nekromanten des Textes erhebt, wurde von Ersterem konsequent 1989, ein Jahr nach Erscheinen des Tractus, performativ konkretisiert. Und auch die parasitäre Rezipientin des vorliegenden epigonalen Bruchwerkes nutzt die Gunst der Lage und nimmt ihren Hut, sich selbst entwendend, der Wege ziehend, die da folgen, mit drei besten Wünschen zum Frühlingsbeginn für die Lesenden auf den Lippen:

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