Filmverführung

Zurück zum Stummfilm

Inspiriert durch ein am Beizentresen aufgeschnapptes Gespräch habe ich kürzlich einmal die Suchmaschine bemüht, um herauszufinden, ob denn der gute alte Schwarz-Weiss-Film wirklich so unmodern und unzugänglich sei. Zu meinem Erstaunen spuckte der Rechner eine recht umfangreiche Liste aus – teils Low-Budget-Produktionen, aber auch bekanntere, grössere Filme, allesamt nach 1970 entstanden. Man erinnere sich z.B. an «Schindlers Liste», an «Nebraska», «Frankenstein Junior», «Ed Wood».

Bekannte Regisseure wie Tim Burton, Lars von Trier, Jim Jarmusch, Luc Besson, oder Shinya Tsukamoto haben bereits mehrfach «farblos» gedreht. Doch dieses Feld abzuhandeln stellt ein grösseres Unterfangen dar als anfänglich vermutet. Also erneut gesucht: was ist in Zeiten von 3D, Dolby Atmos, Imax und 11.1-Sound NOCH unmoderner? Natürlich der Stummfilm!

Hier also drei sehenswerte Produktionen der jüngeren Vergangenheit, deren Entstehen anfänglich belächelt wurde, die sich aber im Nachhinein als wunderbare Fenster in eine vergangene Ära der Filmproduktion und Rezeption offenbart haben.

The Artist

(Michel Hazanavicus, Frankreich 2011)

An diesem Oscar-prämierten Streifen kommt man nicht vorbei. Hazanavicus und sein Hauptdarsteller Jean Dujardin glänzten zuvor bereits mit zwei «OSS 117»-Persiflagen (OSS 117 war in den 1960ern die französische Antwort auf James Bond), doch «The Artist» ist die Krönung: Dujardin ist ein Stummfilmstar gegen Ende der 20er Jahre, soeben wurde der Tonfilm geboren. Stolz und selbstverliebt stellt er sich dem Fortschritt entgegen und ist damit dem Untergang geweiht. Gleichzeitiger Lob- und Abgesang auf die altehrwürdige Ära des Stummfilms und nicht nur für Nostalgiker ein vergnüglicher Trip in die Vergangenheit.

Blancanieves

(Pablo Berger, Spanien 2012)

Schon mal eine tolle Idee gehabt, hart gearbeitet um sie umzusetzen, und dann kommt ein Anderer daher und ist schneller? So ist es Pablo Berger ergangen. Jahrelang hatte er sein Konzept und die Finanzierung für die Schwarz/Weiss/Stumm-Verfilmung des Schneewittchen-Märchens ausgearbeitet, und dann kommt dieser Artist! Blancanieves erzählt die herzzerreissende Geschichte von Carmencita und ihrer bösen Stiefmutter, vom Chauffeur, der das Mädchen ertränkt, und von den Stierkämpfer-Zwergen. Im Universum von David Lynch, Tim Burton und Guillermo Del Toro angesiedelt ist der Film ein einzigartiger Trip in dem Bild und Ton den Betrachter unweigerlich in eine zum Heulen schöne Zwischenwelt entführen – mehr soll hier nicht verraten werden.

The Call Of Cthulhu

(Andrew Leman, USA 2005)

Mal ganz ehrlich: die Erzählungen des Howard Phillips Lovecraft, eines der grössten Horror-Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts, eignen sich nicht wirklich zur Verfilmung. Zu verquast sein Stil, seitenlange Beschreibungen vom unaussprechlichen Grauen, von unbeschreiblichen, tentakelbewehrten Kreaturen die seit Äonen im Mariannengraben oder ähnlich gastlichen Orten auf ihren Moment warten, die Welt zu unterjochen … Diese von der umtriebigen H.P.Lovecraft Historical Society (Hörspiele, Rollenspiele, CDs und Filme, allerlei toller Firlefanz) verwirklichte Produktion jedoch schafft das Unmögliche. Unabhängig finanziert und produziert, zudem nur mal 47 Minuten lang, man könnte fast sagen ein Amateurfilm, ist dies dennoch ein äussert kurzweiliges Erlebnis. Basierend auf einer der besten Lovecraft Stories durchzieht den gesamten Film eine Aura des Mysteriösen, Bedrohlichen. Kulissen, Bauten, Kreaturen – alles scheint direkt aus der Zeit Lovecrafts zu stammen. Aber auch hier sei nicht zuviel verraten, dem Obertitel der Kolumne entsprechend.

Vielleicht hat ja die eine oder andere geneigte Leserin ein wenig Lust bekommen: The Artist und Blancanieves sind auf Blu-ray und DVD auch in der Schweiz erhältlich. The Call Of Cthulhu gibt es leider nur als US-Import DVD.

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