Der Lappi machte sich auf die Suche nach rebellischen JurassierInnen. Zu behaupten, wir hätten sie gefunden, wäre übertrieben.

SeparatistInnen sind super. In unseren wohlbehüteten Stuben freuen wir uns, wenn sich die Republik Kosova von der serbischen Besetzung lossagt, wir sind geneigt, mit aufbegehrenden BaskInnen zu sympathisieren und für uns ist völlig klar, dass Taiwan nicht zu China gehört. Eine Minderheit, die sich mit kreativen bis guerillaesken Methoden gegen eine übermächtige Staatsmacht auflehnt, hat immer einen Sympathiebonus, der uns sogar radikale, terroristische Mittel beinahe verzeihen lässt.

Dies gilt insbesondere für eine Sezessionsbewegung, die quasi in unserem Vorgarten operierte, und das erst noch mit Erfolg: Die Béliers. Wir finden es lustig, wenn sie auch Jahre nach der Gründung des Kantons Jura 1979 rebellisch bleiben, wenn sie den Unspunnenstein stibitzen, mit neuen Gravuren dekoriert zurückgeben, nur um ihn sich einige Jahre danach erneut unter den Nagel zu reissen.

Seit die Schweizer Bevölkerung einem neuen Kanton Jura zugestimmt hat, ist der Anschluss des französischsprachigen Berner Juras das Hauptanliegen der Béliers, und mit der Abstimmung vom 24. November 2013 ist dieses Anliegen endgültig auf der politischen Ebene angekommen. Was allerdings nicht heissen muss, dass die SeparatistInnen in Zukunft von radikalen Aktionen ablassen werden, schliesslich haben sie erst 2009 die Pyramide vom geografischen Mittelpunkt der Schweiz gestohlen und in Bellelay im Berner Jura aufgestellt.

Fade Sehenswürdigkeiten

Schon Wochen vor der Abstimmung über die Frage, ob ein Verfahren für den Anschluss der Berner Jura-Gemeinden an den Kanton Jura eingeleitet werden soll, ist einigermassen klar: Die SeparatistInnen werden die Abstimmung verlieren. Zu viele Bernjurassier fürchten die höheren Steuern oder sehen sich schlicht als Berner. Auf der Suche nach der Aufbruchstimmung, für welche die Region berühmt ist, reist der Lappi deshalb nach Moutier. Die grösste Gemeinde des Berner Jura soll Einschätzungen zufolge der Abspaltung respektive Fusion zustimmen.

 Personen
Nicht mal berühmte Söhne und Töchter hat die stadt moutier hervorgebracht. Einen pfarrer, einen historiker und eine autorennfahrerin. Die hat immerhin 107'000 Likes auf Facebook – Moutier selbst hat nur 1300. Mager, mager. So mager, dass dieser Text an dieser Stelle abrupt ...

Landschaftlich hat Moutier an diesem kalten Sonntag im November nichts zu bieten: Die Berge sind in eine dichte Wolkendecke gehüllt. Dafür schneit es vorweihnachtlich, während es in Bern langweilig regnet. Das Hauptquartier der SeparatistInnen heisst «Restaurant de la Gare» und ist keine 50 Meter vom Bahnhof entfernt – kein Grund also, bei einem Stadtbummel die eher faden Sehenswürdigkeiten (vornehmlich Kirchen) zu entdecken.

Frieren trotz Fumoir

Da die Bewohner von Moutier zwar mehrheitlich die Ziele der Béliers (Widder) teilen, aber augenscheinlich nicht zu radikalen Mitteln bereit sind, taufen wir sie liebevoll Moutons – die Schafe. Die Moutons sitzen bei einem Glas Weisswein im «de la Gare» und sind freundlich, solange man während der Übertragung der ersten Abstimmungsresultate nicht zu laut schwatzt. Nebenan, in der «grande salle», versammeln sich so viele politisch Interessierte, dass die «salle» schon bald nicht mehr «grande» genug ist. Man ist zwar neugierig auf das Abstimmungsergebnis, aber nicht übermässig nervös. Die Moutons sind unschwer zu erkennen: Obwohl es im südlichen Teil des Restaurants ein grosszügiges und verbotenerweise bedientes Fumoir gibt, gehen sie zum Rauchen aus der Beiz hinaus in die Kälte. Nach Norden, gen Delémont.

Als in der «grande salle» die endgültigen Resultate verkündet werden, braucht man die in schnellem Französisch gesprochenen Zahlen nicht zu verstehen: Die desillusionierten Schafsgesichter sind deutlich genug. Nur zwei Buben sind weiterhin guten Mutes, verkaufen Guezli mit Jura-Flaggen, Propaganda-Windräder und sogar Bierdeckel.

Enttäuschte Superhelden

Doch es liegt nicht in der Natur des Schafs, den Kopf lange hängen zu lassen. Wenige Gläser Bier beziehungsweise Weisswein später treffen wir im kalten Aussenfumoir zwei Moutons, die immer noch die Jura-Fahne gleich einem Superheldenumhang um die Schultern tragen. Ein bisschen enttäuscht sei man natürlich schon, sagen sie. Aber sie sind begeistert über die 55-prozentige Zustimmung in ihrer Gemeinde und freuen sich jetzt schon auf eine mögliche Abstimmung über den Anschluss Moutiers im Verlauf der nächsten zwei Jahre: «On est fier de Moutier!»

Der Satz würde sich für einen Sprechgesang hervorragend eignen, aber so gut ist die Laune dann doch wieder nicht. Als ein ausgesprochen unfreundlicher Agenturfotograf auf die zwei Beflaggten aufmerksam wird und sich zwischen diese und die Lappi-Reporter drängt, brechen wir das Gespräch ab und verlassen die SeparatistInnen-Hochburg etwas zu früh: Am Abend soll es noch zu Scharmützeln mit Berntreuen gekommen sein, erfahren wir später. Die Moutons bleiben sanft rebellisch und Moutier auch in Zukunft eine Reise wert für alle, die den eigenwilligen Charme einer Sezessionsbewegung fast völlig gefahrlos erleben wollen.

 

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