Bächtold von Melkhand, ein ehemaliger Turnierreiter, bestritt 65 Turniere. Er trug dabei 62 Siege und nur 3 Niederlagen davon.

Ein ritter hoch zu ross macht sich bereit für den nächsten Herausforderer. Bild: Peter Pfister

Im Vorfeld dieses sportlichen Grossanlasses auf dem Herrenacker wurden auch kritische Stimmen laut. Von Korruption war die Rede, von Vertreibungen und davon, dass beim Aufbau der Arena unter Zeitdruck, mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen und im ganzen menschenverachtenden Bedingungen mehrere Arbeiter den Tod gefunden hätten. Wie äussern Sie sich dazu?

Dazu nehme ich keine Stellung. Ich wurde eingeladen, um über die sportlichen Aspekte dieses Turniers zu sprechen. Das müssen Sie die Veranstalter fragen.

Aber haben Sie nicht das Gefühl, dass der Turniersport zu einer milliardenschweren Profitmaximierungsmaschinerie verkommen ist, in der der Sport selbst nur noch als Feigenblatt für die Machenschaften gewinnsüchtiger Funktionäre herhalten muss?

Sehen Sie, ich bin ja nicht mehr aktiv, vielleicht war es früher schon, äh, familiärer. Aber was zählt ist doch das, was auf dem Turnierplatz passiert. Wenn man im Sattel sitzt, die Lanze im Anschlag, und die Menge auf den Rängen jubelt – um dieses Gefühl geht es.

Es interessiert Sie also nicht, dass dieses Familiäre, wovon sie sprechen, nach und nach einem Event-Gigantismus der Superlative weichen muss?

Nochmal: Ich bin nicht hier, um über Politik zu reden. Fragen Sie die Politiker.

Also gut, sprechen wir über den Sport an sich – was fasziniert Sie am Kampf hoch zu Pferde?

Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn Ross und Reiter eins werden und zu einer einzigen Einheit aus geballter Kraft verschmelzen. Wenn die Lanze auf den Harnisch des Gegners trifft und das Holz bersten tut und die Späne fliegen, ist das ein Adrenalin-Schub erster Güte. Und dann die Leute auf der Tribüne; wenn sie skandieren: MELK-HAND, MELK-HAND ...

Trifft den Harnisch einen Stab, geht vielen rittern einer ab.
 

... was bedeutet eigentlich Ihr Künstlername, Bächtold von Melkhand? Er scheint mir ungewöhnlich.

Das ist einerseits eine Reminiszenz an Arnold von Melchtal, sie wissen schon, der vom Rütlischwur; und andererseits ist er ein Sinnbild dafür, wie ich mit meiner Lanze quasi das Blut aus meinem Gegner melke, also es blutet ja eigentlich nicht, aber, so, äh, als Metapher.

Und Bächtold?

Das ist der Mädchenname meiner Mutter, sie hat mich immer unterstützt.

Wie sind Sie denn dazu gekommen, es ist ja nicht gerade ein gewöhnlicher Sport, ich meine, Sie hätten auch Boxer werden können oder Springreiter ...

Ich wollte schon als kleines Kind einmal ein Ritter werden. Und das bin ich nun gewissermassen. Es ist die Kombination aus der Kraft deiner Lanze und der Kraft des Tieres, die sich verbinden, zu einer, wie soll ich sagen, zu einer archaischen Männlichkeit, und die Gefahr, die immer auch mitreitet. Das gibt es sonst in keinem Sport.

Aporopos Männlichkeit, in anderen Sportarten, namentlich im Fussball, ist Homosexualität ein grosses Tabuthema. Wie sieht es bei Ritterturnieren aus?

Mir ist davon nichts bekannt. Wenn einer in unserer Gemeinschaft schwul wäre, hätte ich das sicher gemerkt. Aber dieser Sport ist sowieso nichts für zarte Gemüter.

Sie halten homosexuelle Männer allgemein für zarte Gemüter?

Das habe ich so nicht gesagt, es ist einfach, zum Beispiel auch Frauen gibt es ja kaum in diesem Sport. Ausserdem geht es ja immer auch um Au-then-zi-zi ...

Authentizität?

Genau. Und haben Sie jemals was von schwulen Rittern gehört? – Eben. Das passt einfach nicht. Und wenn es das gegeben hat, dann haben die das nicht gezeigt.

Reden wir über Frauen. Es heisst ja, die mittelalterlichen Ritterspiele seien immer auch eine Art Hochzeitsmarkt gewesen. Haben Sie ihre Freundin auch an einem Turnier kennengelernt?

Äh, ich, nein, das war im Internet, aber einige Kollegen von mir haben schon Freundinnen, die in der Mittelalterszene ganz gross sind, der Kuno von Pfefferstein, der ist zum Beispiel mit der Lyria liiert, einer bekannten Falknerin. Oder Helmo, der hat eine junge Magierin auf einem Turnier in Frankreich kennengelernt, die kommt jetzt selber ganz gross raus mit ihrer Show. Es gibt also schon viele Frauen, die auch grosse Fans sind und so ...

Groupies?

Der Kenner schweigt und geniesst.

begehrte platzhirsche: Gratiseinlage für die Groupies.

Aha. Also doch? Und was sagt Ihre Freundin dazu?

Mein Privatleben geht niemanden etwas an. Ich bin hier, um über die sportlichen Aspekte zu sprechen.

Gut. Wie sieht es eigentlich mit leistungssteigernden Substanzen aus? Ist Doping in der Turnierszene ein Thema?

Mir ist davon nichts bekannt. Man muss ja auch schauen, wegen der Authentizität, moderne Drogen gehören nicht an ein Mittelalterspektakel. Also es gab mal das Gerücht, dass einige Mohnblumensaft nehmen, weil das schmerzresistent macht, aber das glaube ich fast nicht, weil er macht zwar schmerzresistent aber auch sehr träge, und das kommt dann gar nicht gut.

Kann man eigentlich vom Turniersport leben?

Das geht schon, wenn man aktiv ist, mit Sponsoring und so, nicht grad mit zehn Autos und so wie die Fussballprofis. Aber das bescheidene Leben eines modernen Ritters lässt sich gut leben (lacht).

Sie sind jetzt ja als Ritter quasi pensioniert, was tun sie jetzt beruflich?

Ja, einerseits mache ich noch viele Jobs als Experte, so wie jetzt hier, andererseits bin ich gerade dabei, mit meiner Freundin eine Consulting-Firma im Bereich Mittelalter-Events aufzubauen – das ist ein wachsender Markt im Moment.

Ganz offensichtlich. Sie werden nachher die Spiele für uns live kommentieren. Was erwarten Sie sich vom heutigen Abend?

Ich denke, es wird ein spannendes Turnier.

Das wollen wir doch hoffen, Bächtold von Melkhand, vielen Dank für das Gespräch.

Ich danke Ihnen.

Kommentare  

0 #1 Hansueli Overturf 2015-01-06 05:07
Interessanter Bericht. Finde es super, dass Ihr diese Zeitschrift herausgibt und Themen aufgreift, ueber die von anderen Medien nicht berichtet wird.
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