Auf der Suche nach Gentrifizierungs-Inspiration reiste der Lappi ins Wallis. Fündig wurde er in der einst ärmsten Gemeinde der Schweiz.

Die einigermassen prächtige, dreigeteilte villa des dorfmäzens im gewagten Chalet-Stil besitzt einen unterirdischen Verbindungsgang. Zu beachten ist auch der angespitzte Zaun – ein Schutz vor neugierigem Pöbel?

Alpen-Favela, Gommer Ghetto, Banlieue Valoise: Das 74-Seelen-Kaff Blitzingen im Goms ist mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 16’055 Franken gemäss Daten aus dem Jahr 2010, den aktuellsten Zahlen der eidgenössischen Steuerverwaltung, die ärmste Gemeinde der Schweiz.

Nun aber hat der Aufschwung eingesetzt, den sich die Schaffhauser schon lange so sehnlichst wünschen. 2012 zog nämlich ein mysteriöser Reicher hinzu, ein Unbekannter, der mit über 700'000 Franken pro Jahr mehr als doppelt so viele Steuern zahlt wie alle EinwohnerInnnen zusammen.

Noch 2010 nahm die Gemeinde lächerliche 323'807 Franken ein und berappte jahrelang fast die Hälfte der bescheidenen Ausgaben mit Geld aus dem kantonalen Finanzausgleich. Letztes Jahr waren es fast 1,1 Millionen. Die Steuern sind nun 25 Prozent tiefer – auf dem tiefst möglichen Niveau im Wallis.

Kultur
Die kleine, aber feine örtliche galerie widerspiegelt die überbordende kulturelle Vielfalt der kleinen Gemeinde. Öffnungszeiten: Nach Vereinbarung.
Sport
Die Heimspiele des fc grathorn sind regelrechte Strassenfeger. Momentan liegt der Traditionsclub auf dem vierten Rang der zweithöchsten Obergommer Spielklasse. Die Aufstiegsplätze liegen jedoch noch in Reichweite. Ebenfalls sehr beliebt ist der alljährliche gommerlauf, mit gut 1800 Teilnehmenden eine der grössten Skilanglaufveranstaltungen der Schweiz.
Gastronomie
Die Taverne zum guten freund war uns ein verlässlicher Freund. Neue Bekanntschaften machten wir aber keine. Die Spezialität des Hauses, das Cordon Bleu Maison, wird auf einschlägigen Fachportalen als lecker betitelt. Nur: Mit sieben Zahnstochern sei es etwas mühsam zu essen.

Es ist ein schöner Freitagnachmittag, als sich die Lappi-Redaktion auf die Socken macht, runter ins Wallis, hoch ins Goms, um den Wandel des Orts Blitzingen vom Gommer Ghetto zum neureichen Kleinstaat zu dokumentieren. Und natürlich, um den gemeindeeigenen Mäzen ausfindig zu machen.

Schweigen im Gommer Ghetto

Der Bahnhof in Blitzingen steht einsam auf einer grünen Wiese, unter der sich die Garage für das Dorf und die vier Weiler, die ebenfalls zur Gemeinde gehören, befinden. Es ist ein Dorf, in dem die Trottoirs abrupt im Nirgendwo enden, wo fast jedes Haus einmal niedergebrannt ist und wo die BerglerInnen mit ihrem eigenem Fussballclub FC Grathorn in der Obergommer Liga die zweite Mannschaft des FC Bitsch mit zwölf zu eins niederkantern. Das ist «Blitzige», wie die Walliserin gerne sagt.

Doch für gewöhnlich redet der «Blitziger» nicht gerne. Der reichste «Blitziger»? – Keine Ahnung, heisst es in der «Taverne zum guten Freund», eine Art Alpen-Autobahnraststätte und einzige Beiz in Blitzingen, wo sich Wanderer mit Dreiviertelfunktionshosen und übermüdete holländische Lastwagenchauffeure auf Durchfahrt gute Nacht sagen. Und wo auch wir nach der Ankunft ziemlich bald einmal landen.

Weder aus den allesamt auswärtigen Gästen, noch aus der sonst sehr gesprächigen Wirtin, die sich an den Nebentisch gesetzt hat, ist etwas herauszukriegen. Wir üben uns in Geduld und Biertrinken. Doch die Oberwalliser werden auch nach dem fünften Bier nicht redselig und so ziehen wir uns fürs Nachtlager nach Fiesch zurück.

Für den nächsten Tag ist eine Expedition nach Bodmen, einem der vier Blitzinger Weiler, vorgesehen. Wir steigen hinunter ins Tal, über die junge, noch unbändige Rhone. Hier finden sich echte Walliser Chalets aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Schief, vom Wetter gegerbt, angekokelt, in verwinkelten Gassen stehend, aber liebevoll gepflegt – die perfekte Kulisse für einen klassisch-kitschigen Heimatfilm.

Die Bevölkerung soll im Schnitt um die 70 Lenze auf dem Buckel haben, aber es gibt Nachwuchs, erfahren wir: Eines der drei Kinder des Weilers hat gerade die Schule abgeschlossen. Ausserdem finden wir auch einen Hinweis auf den Dorfmäzen. «Da obena», klärt uns ein 70-jähriger Rentner und Grossvater offenherzig und im breitestem Walliserdialekt auf, während er sich seelenruhig an seinem wohlgeformten, runden Bauch kratzt. Die Villa stehe am gegenüberliegenden Berghang.

Er erzählt uns vom pensionierten Schweizer Botschafter, der in der Nachbarschaft gerade ein Chalet hat renovieren lassen, und von den Hornbachs, «Sie wissen schon, die vom deutschen Baumarkt», die 1,2 Millionen für den Umbau bezahlt hätten.

Nach einigen Minuten des Erzählens bedanken wir uns beim gemütlichen Grossvater und machen uns an den Aufstieg, abermals über die tollende Rhone hinüber, rauf zum reichsten «Blitziger». Wir verzichten beim Aufstieg auf einen Besuch im Restaurant des dorfeigenen Vier-Sterne-Hotels, obschon die brütende Sonne gerade auf uns niederbrennt. Auf der tennisplatzgrossen Terrasse sitzt nur ein Gast, und wir befürchten, enttarnt zu werden.

Oberhalb des Pöbels

Vom Dorfkern nicht sichtbar, baut sich schliesslich die Villa vor uns auf. Oder besser: die drei Chalets, die einigermassen majestätisch über dem Goms thronen, ganz oben, weit oberhalb des gemeinen Blitzinger Pöbels. Hier also wohnt der Retter Blitzingens, der die Gemeinde und deren reichhaltiges kulturelles Leben erhalten und fördern kann. Der holländische Geschäftsmann, früher bei Philip Morris in führender Position, ist zur Zeit in der Konzernleitung der Chrysler Group tätig.

Allerdings war er bei der letzten Investition, einem Werkhof für 450 000 Franken, noch nicht beteiligt. Vielleicht wäre es dann auch anders gekommen: Nach der Fertigstellung des Gebäudes stellte sich nämlich heraus, dass die Garage, die für das Feuerwehrauto eingebaut wurde, zu klein war. Ohne einen ordentlichen Lackschaden hätte das Vehikel nicht reingepasst.

Auch bei der Renovation der Kirche ist er zu unserem Erstaunen nicht beteiligt. Das sei über Spenden finanziert worden, wie uns die Wirtin am zweiten Tag plötzlich doch noch verrät, nur um darauf prompt wieder in Schweigen zu verfallen.

Nachdem wir gesehen haben, welche Impulse der Zuzug des Reichen gebracht hat, schnappen wir den nächsten Zug und verlassen das kleine Bergparadies. Hinunter ins Tal. Vorbei an Lax, wo die Jungen aus der Talschaft ein Open-Air ausrichten und wo die Zukunft  tanzt. Munter, ungehemmt, frei.

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