Ein Insider hat dem Lappi einen Mitschnitt der Geheimkonferenz des Komitees gegen die Energiewende zugespielt. Wir haben die Diskussion für dich transkribiert.

Die Elite der bürgerlichen Parteien Schaffhausens hat sich fernab der Öffentlichkeit in die hinterste Ecke des Kesslerlochs verkrochen, denn die Zeiten sind hart. Nichts Geringeres als die Energiewende gilt es zu verhindern. Diese soll am 8. März mit der Abstimmung über erste Massnahmen eingeleitet werden. Dass sie sich in eine kalte Höhle zurückgezogen haben, hat seinen Grund: es soll ein Mahnmal darstellen für die widrigen Lebensumstände, die sie bei der Annahme der Vorlage erwarten würden.

Was die Protagonisten nicht wissen: das Kesslerloch ist verwanzt. Im Vorjahr hatten sie diese Massnahme selbst bei einer privaten Sicherheitsfirma in Auftrag gegeben – in der Furcht vor Angriffen von Asylbewerbern, die in der Höhle allenfalls doch noch ein Dach über dem Kopf gefunden haben könnten. Indem wir der Security-Firma die Steuern bezahlt haben, konnten wir die Tonbänder beschaffen und liefern euch exklusiv die Abschrift der Geheimkonferenz.

***

Murmeln, dann Knacken eines Cervelats. Im Hintergrund das Dröhnen eines Generators, Brutzelgeräusche aus dem Elektrogrill.
Lorenz Laich ergreift das Wort:

«So, meine Herren. Wir haben ein massives Problem!»

Das Schmatzen endet abrupt.

«Es geht um unsere Bauindustrie, ums Gewerbe und natürlich um Banken, Hypotheken. Kurz: es geht um viel Geld. Wir haben in Beringen investiert, wir haben Land in Stetten, da können die doch jetzt keine Windräder hinpflanzen. Stellt Euch mal die Wertminderung der Liegenschaften vor».

Marcel Montanari, seinen Bissen erst halb runtergeschluckt, wirft ein:

«Ja, wieder mal so eine Bürokratenidee!»

Ein Glucksen, mit krächzenden Stimme fährt er fort:

«Ich hab gar keinen Bock auf eine Biogasanlage - die stinkt das ganze Dorf voll.»

Aufgeregtes Raunen, verstärkt durch das Echo des Gewölbes. Laich entgegnet betroffen:

«Meinst Du, die Biogasanlage könnte man auch bei uns in Dörflingen noch riechen?» – «Heilandsack, das glaub ...»

Mariano Fioretti verschluckt sich an seinem Entrecôte.

«chchkchk... ich ja nicht! Genau darum müssen wir jetzt noch jeden Fleck in der Stadt zupflastern, damit nicht so ein Idiot auf die Idee kommt, in Schaffhausen eine Biogasanlage zu bauen. Dann lieber nochmal ein AKW im Aargau. Und dann wollen sie noch eine Förderabgabe durchsetzen ... auf die Kilowattstunde – das ist doch staatlicher Abgabenterror»

Montanari fällt ihm ins Wort:

«Haha, Abgabenterror, das ist gut – aber pass auf, dass du bei dieser Rhetorik nicht zum Linken wirst. Aber im ernst, wir müssen das auf jeden Fall verhindern. Der Staat kann die Energiewende eh nicht durchziehen, der verlocht nur Geld. Da müssen die Privaten ran, dann wirds was. Wir dürfen dem Staat auf keinen Fall mehr Kohle geben - und sicher nicht für eine Förderabgabe!».

Die Wärme der fünf installierten Heizstrahler scheint sofort verflogen, eiskaltes Schweigen. Man hört den Wind durch die halbherzig an den Höhleneingang genagelten Felle pfeifen. Nun hat’s auch Samuel Erb gedämmert – ein Grunzen, dann das Klirren einer zerberstenden Glasflasche an der Höhlenwand:

«Ja und die Aufträge für meine Schreinerei? Zwanzig Swimmingpoolbänkli habt ihr mir versprochen! Und all die schönen hohen Gartenzäune...»

Ein Schluchzen erfüllt die Höhle. 

«Wir haben bigoscht grössere Probleme, Sämi!»

Es ist Erwin Sutter, der die Suche nach Empfang für seine Bibel-App kurzfristig aufgibt.

«es geht hier um Geld!! Hör du bloss mit deinen Gartenhägli auf!»

Sutter fährt mit dem Versuch fort, eine Antenne durch einen Felsspalt durchzufädeln. Er steht gebückt im Gewölbe. Sein Blick haftet auf dem Smartphone in seiner linken Hand, mit der Rechten versucht er die Antenne auszurichten. Dann hellt sich sein Blick auf, sein Mund verzieht sich zu einem Lächeln. Begeistert richtet er sich auf – ein dumpfer Knall. Er reibt sich den Kopf und lässt sich sodann unbeirrt auf seinen Massagesessel fallen und seufzt:

«Falls du den Aktienkurs checken willst, Lorenz, Empfang ist jetzt da.»

Lorenz Laich schlägt mit Sämi Erbs Sackmesser dreimal gegen sein Bordeauxglas:

«Darf ich euch bitten, meine Herren! Konzentriert Euch! Wir müssen diese Katastrophe doch irgendwie aufhalten können.»

Leises Gemurmel. Ein lautes Prusten von Montanari durchbricht das Surren von Laichs Nespressomaschine.

«Wie wär’s, wenn wir die Linken mit ihren eigenen Waffen schlagen? Wir klauen ihre Rhetorik – und nehmen ihnen so den Wind aus den Rädern, hehe!»

Fiorettis Augen weiten sich, geschwind würgt er seine Banane runter.

«Jawohl! Guuut! Seehr guuut! Wir könnten ja so tun, als wär uns die Natur wichtig!»

Der erhellte Blick ist einem hämischen Grinsen gewichen. Genüsslich wendet er sich erneut seiner Banane zu. Ein Schnipsen aus Montanaris Ecke, dann lautes Lachen:

«Oooh jaa, ich hab’s! Das ist perfekt! Ich sag nur ‹unsoziale Steuer›...»

Ein kurzer Moment der Stille, Sutter und Laich beginnen belustigt zu röcheln, eine Sekunde später Kichern von Fioretti, dann einstimmiges Wiehern. Nur der aufmerksame Hörer erkennt im Hintergrund das Hüsteln Samuel Erbs, dem die halbe Bratwurst den Rachen runtergerutscht ist. Weiterhin lautes Gegröle. Sobald das Lachen etwas abflacht, nimmt Montanari eine Flasche Sekt aus dem Minikühlschrank, jagt den Korken an die Höhlendecke und beginnt mit seinen Ausführungen:

«Oh ja. Wir berufen eine Pressekonferenz ein und jammern was von Steuern zulasten der Armen...»

– «Jawohl! Ja sprechen wir doch gleich von ‹Umverteilung von Arm zu Reich›»

Lorenz Laich nippt selbstzufrieden an seinem doppelten Espresso.

Samuel Erb hält inne und legt behutsam seine fast fertig geschnitzte Holzgeiss auf den surrenden Generator. Verunsichert blickt er auf: 

«Ja und habt ihr euch mal überlegt.... Da kommen doch bestimmt wieder die Deutschen mit ihren Solaranlagen und machen sich in unserem Markt breit… – die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg! Ich meine, wer weiss, was das noch alles nach sich zieht...»

– «Super, Sämi! Das ist gar nicht schlecht. Das bauen wir gleich mit ein. Ängste kommen immer gut.»

Zufrieden stürzt Montanari seinen Sekt runter, stellt das Glas beiseite und tippt konzentriert auf seinem iPad herum.
Samuel Erb greift erneut zur Holzgeiss, behände arbeitet er ein kleines Schwänzlein heraus. Dann hält er inne:

«Aber, du Marcel, sollen wir dann den Bau von AKWs fordern? Die sind doch auch nicht hundertprozentig sicher, oder ist das schon gelöst?» 

Montanari reisst Erb das Sackmesser aus der Hand, schneidet damit seine Zigarre an und lässt es achtlos zu Boden fallen. 

«Nein, ich glaub damit sind wir noch zu früh.»

Aus den Tiefen von Erwin Sutters Massagesessel brummelt es:

«Wir könnten aber sagen, dass es der Wasserkraft schadet.»

Fioretti rückt mitsamt seines Campingsessels ein Stück nach vorne, eine Schweissperle fällt ihm von der Stirn und verdampft mit einem leisen Zischen auf dem Elektrogrill.

«Genau, Wir reden von Marktverzerrung, wie das die Linken sonst beim Atomstrom machen.»

Heiteres Gelächter übertönt das Summen des Generators. Laich lockert seine Krawatte und grinst.

«Jawohl Marionetti … ääh… Mariano! Dann könnte man gleich auch noch das Entsorgungsproblem einbauen. So etwas wie, dass der zukünftigen Entsorgung zu wenig Beachtung geschenkt werde, oder so …»

Montanari öffnet nun auch den drittobersten Knopf seines Hemdes und lässt seine Finger energisch über das iPad gleiten. Fioretti, der soeben das Trockenföhnen eines Fettflecks auf seiner Hose beendet hat, verkündet:

«Energiewende ja, aber nicht bei mir!»

– «Exakt»

Montanari blickt von seinem Tablet auf und hält kurz inne. Mit einem breiten Grinsen fährt er fort zu notieren, dann räuspert er sich und liest vor: 

«Das Volk ist der Meinung: ‹Energiewende ja, aber nicht bei mir!›»

Man hört lautes Gelächter und das Gluckern einer Flasche, dann erklingen die Weingläser. Samuel Erb stimmt ein Lied an:

«Bloss ä chliini Stadt, mit bürgerliche Wänd …».

Während des Gesangs wird emsig zusammengepackt. Samuel Erb reisst mit einem kräftigen Ruck die Felle vom Fels und wirft sie auf die Ladefläche von Sutters Pickup. Fioretti und Laich hieven den Generator meterweise in Richtung Höhlenausgang. Zwischen Vogelgezwitscher, dem Knirschen von Kies und heiterem Lachen verfliessen die einzelnen gesprochenen Worte zu einer dumpfen, gleichmässigen Geräuschkulisse.Die Unterhaltung wird leiser, es lassen sich allmählich immer mehr Pausen zwischen dem Gesprochenen ausmachen. Ein letztes Mal dringt eine Stimme durch:

«Aber so schlimm wär die Energiewende vielleicht gar nicht … Die Neandertaler hatten es in der Höhle ja ganz gut ... also ich fands gemütlich!»

Dann knallen die Wagentüren, die Motoren heulen auf. Das Geräusch der über Waldboden ratternden Pickups ist noch mehrere Sekunden hörbar, dann Stille.

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