Vor siebenhundert Jahren kam es zur ersten Schlacht zwischen den Eidgenossen und den Habsburgern. Morgarten hatte lange Zeit, um zum Gründungsmythos zu reifen.

Dieses Jahr feiert Helvetia einiges. 1815 wurden die Grenzen neu gezogen, 1515 blutete die Eidgenossenschaft in Marignano, 1415 eroberte man den Aargau, und 1315 – vor 700 Jahren – fielen zwölf tapfere Schwyzer und Zuger in der Morgartenschlacht. Eine Handvoll Bauern, so die Legende, raffte 2000 Reiter aus dem Hause Habsburg dahin.

Brauchtum
In Sattel ist die Vorfreude auf die Fasnacht überall zu spüren: Im «Hirschen», wo wir uns eine wärmende Stärkung genehmigen, wird gerade der Saal für die grosse Sause am nächsten Tag vorbereitet. Mainact: Das Ländlertrio «Chaltbächlergruess». Leider weiss da noch niemand, dass der nachtumzug mit einem brennenden Wagen und zwei Leichtverletzten enden würde.

Die Schlacht wurde zum Symbol der Verteidigung der Eidgenossenschaft und das Stückchen Ufer am Ägerisee zur historischen Geburtsstätte. Wir können es nicht erwarten und besuchen die Stätte der Schlacht schon vor dem grossen Fest, auf der Suche nach Denkmälern, schlagenden Rittern und freiheitsliebenden Bauern, Geschichte zum Anfassen. Wir suchen den helvetischen Geist.

«Es gibt nicht mal ein Schild»

Als wir in Sattel aus dem Zug steigen und mit dem Bus weiter zur Haltestelle «Morgartendenkmal« fahren, ist dort keine Spur von eidgenössischer Folklore zu erkennen. Keine Hellebarden. Die Fanfaren sind still. Keine blutverschmierten Wappen oder eiserne Schwerter. Nicht mal ein Pferd. Über dem Schauplatz der Geschichte ragt das Denkmal. Es wurde 1908 auf Anregung des hiesigen Tourismusvereins eingeweiht, als Teil einer ersten Marketingoffensive zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Ausser einem Steinbaldachin ist aber nichts geblieben, und mitten auf dem Hügel müssen wir umkehren, ohne Schneeschuhe ist das Denkmal leider nicht zu erreichen. Wir sind etwas enttäuscht, dennoch setzen wir unsere Suche fort – aufgeben kommt nicht in Frage, das taten die Helden von 1315 auch nicht.

Am Ort des Geschehens gibt’s nicht mehr viel zu sehen. Immerhin: Rechtzeitig zum grossen Jubiläum entsteht ein neues Touristeninformationszentrum. Rechts: Das Morgartendenkmal, im Winter leider nur mit schneeschuhen erreichbar.
Sehenswürdigkeiten
Was uns auf unserer Entdeckungstour rund um das Morgartengelände besonders auffällt, sind die vielen herzigen geburtsschilder. Als ob uns die AnwohnerInnen mitteilen wollten, dass sie imfall genügend kampffähige junge Männer bereit hätten, sollten die Zürcher erneut einfallen.
Souvenirs
Am Ort des Gemetzels gibt es zwar keinen Souvenirshop, dafür einen altertümlich anmutenden postkartenautomaten, der für einen Franken zwei Postkarten ausspuckt. Einen Briefkasten, der unsere Grüsse in die Welt verschickt, suchen wir allerdings vergebens.

«Es gibt nicht mal ein Schild», gesteht uns der Wirt vom Restaurant Buechwäldli, das sich in der Nähe des Denkmals befindet. Das grosse Interesse für die historische Stätte und die Schlacht ist verebbt, Morgarten sei halt nicht das Rütli, meint der Gastronom. Der freiheitliche Geist der Eidgenossenschaft benötigt keine Beschilderung, denken wir uns beim Anblick der natürlichen Kulisse: Der Berg türmt sich furchtlos über dem See auf, starke Bäume trotzen den kargen Hängen wie einst die Eidgenossen der Knechtschaft. Hier muss sich Grosses ereignet haben, ohne Zweifel.

Gegen Vögte und Abrissbirnen

Ergriffen setzen wir unsere Suche nach den legendären Zeugnissen fort und wandern zurück, Richtung Sattel. Durchgefroren halten wir bei der Schlachtkappelle. Hier huldigten über die Jahrhunderte unzählige SchweizerInnen den Gefallenen, dankbar für die Verteidigung ihres Landes. Daneben finden wir ein weiteres Stück helvetischer Identität: das Morgartenhaus, das seit 50 Jahren der Schweizer Schuljugend gehört. Damals wollte ein ostdeutsches Unternehmen das Grundstück kaufen und Ferienwohnungen bauen. Und weil sich die Geschichte bekanntlich wiederholt, wehrten sich die Eidgenossen erneut gegen die fremde Herrschaft und bewahrten den Mythos vor der Abrissbirne.

Seitdem dürfen die Sprösslinge aus Zug, Schwyz, aber auch aus dem Wallis und dem Tessin auf ihren Schulreisen die historisch wertvollen Bauten bewundern. Wir zollen der Beharrlichkeit älterer und jüngerer Verfechter der helvetischen Souveränität Respekt und stapfen weiter zum Gemeindehaus, wo uns der Gemeindeschreiber über die Jubiläumsfeierlichkeiten aufklärt. Pirmin Moser sieht mit seinem dichten Bart selber ein wenig aus wie ein grimmiger, hellebardenschwingender Eidgenosse, ist aber äusserst freundlich und aufgeschlossen. Die grosse Party steigt im Juni. Menschen aus der ganzen Schweiz sollen zum Ägerisee pilgern, auf dem Mittelaltermarkt schlendern und die moderne Verteidigungsstrategie der Eidgenossenschaft bei einer Armeeausstellung bewundern.

Abgekämpft schlendern wir zum Ausgang des Gemeindehauses, als wir beim Blick in eine Vitrine doch noch für all die Mühsal unserer Odyssee entschädigt werden: eine Miniatur der Schlacht. Winzige Bauern schlagen mit Hackebeilen und Hellebarden auf die verfeindeten Ritter, Rösser liegen im Sterben, tapfere Männer ringen um ihr Leben und um die Freiheit der Schweiz. Das Blut fliesst in Strömen, und aus den Lachen steigt er auf, der helvetische Geist. Ganz andächtig begreifen wir nun, wir stehen vor dem Brutkasten der Willensnation.

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