Am Besuch eines Skirennens kommt man in der Schweiz einfach nicht vorbei, hat sich der «Lappi» gesagt und sich anfangs Jahr frühmorgens auf den Weg nach Adelboden gemacht.

Es gibt Dinge, die muss man einfach mal gemacht haben, wenn man zwischen Bodensee und Lago di Lugano wohnt. Dazu gehören etwa der Besuch eines Schwingfests und eines Heidi-Musicals sowie das Posieren mit einer Schönheitskönigin am Genfer Autosalon. Aber auch ein richtiges Weltcuprennen sollte nicht fehlen, immerhin sind wir eine Skination. Doch das Mühsal fängt bereits beim Aufstehen an. Kurz nach fünf Uhr in der Früh torkelt die Lappi-Delegation schlaftrunken auf den Zug, vorbei an den letzten Aufrechten der vergangenen Partynacht, die noch immer nicht nach Hause gehen wollen.

Schweiz 5 heisst «Bürgerlich und Sport». Sie kennen den TV-Sender nicht? Nicht so schlimm, wir haben den Sonderling für Sie besucht.

Schweiz 5 bringt Sportereignisse wie Truck-Rennen, Astrologie- und Sexualberatungen sowie einige Talkformate politischen Inhalts, wobei überwiegend mit SVP-Politikern diskutiert wird. Schweiz 5 zu empfangen ist nicht schwer. Der Sender ist auf fast allen Digitalnetzen des Landes aufgeschaltet. Schweiz 5 zu finden ist schon deutlich schwerer. Das Signal kommt von irgendwo in Langenthal.

Dort angekommen, fällt auf: Es stinkt ge­waltig. Nach verfaulten ­Eiern und Schlimmerem. Unmittelbar an den Bahnhof Langenthal Süd grenzt ein ausgedehntes Einfamilienhausquartier. Auf der anderen Seite sind die Kartoffelfabriken und irgendwo in der Nähe wohl auch eine Kläranlage. Aber wo ist Schweiz 5? Wir stehen vor einem riesigen, verglasten Neubau. Unten Autowerkstatt, oben Restaurant und Bowlingbahn. Ein Unterhaltungszentrum an der Peripherie.

Schaffhausen. Ein kleines Paradies des Sterbens.

Es hätte ein Sommer der Liebe werden können in der schönen Haamet. Die Vögelein tirilierend, die Rehlein über die saftigen Buntwiesen galoppierend, die Kinderlein mit den Forellen um die Wette schwimmend – Schaffhausen, un rève d'été, eine Ode ans Leben.

Doch dann kamen der Regen und die schlechten Nachrichten: «OBERHALLAU SH - Konrad S. donnerte gestern mit seinem Kleinflugzeug wohl gezielt in sein Elternhaus in Oberhallau SH» («Blick», 17. Juli); «In Schaffhausen fielen am Samstagnachmittag in einem Haus mehrere Schüsse» («20min», 23. Juli); «Ein Familiendrama hat im schaffhausischen Beringen einen Toten gefordert: die 21-jährige A. S.* erstach ihren Vater» («Tagesanzeiger», 26. Juli). Statt Rheintouristen kamen Journalisten, denn spätestens nach dem Massaker von Utöya roch es endgültig nach Tod und Zerstörung.

Was passiert, wenn urbane junge Leute am 1. August das Volkstümliche suchen? – Eine Nachlese, drei Steinwürfe später.

Für die aufgeklärte Schweizerin und den aufgeklärten Schweizer, die mit dem Willhelm-Tell-Mythos, dem ganzen Pathos um den Rütlischwur und dem immergleichen Floskelgedresche übereifriger Politiker nichts anfangen können, stellt der 1. August Jahr für Jahr ein kleines Problemchen dar. Was tun am Nationalfeiertag?

Die Festlichkeiten einfach ignorieren? Schon zwei Wochen im Voraus beim Chinesen um die Ecke reservieren, Nudelsuppe schlürfen und Go spielen, bis der Zeiger die 12 passiert hat? Oder sich halt trotzdem unters Volk mischen? Wurst und Bier schmecken auch am 1. August. Man muss ja nicht zuhören.

Der Lappi ging in die Offensive und hat sich den Nationalfeiertag zum Anlass genommen, einmal der «modernen Folklore» auf den Grund zu gehen.

Gibt es das Folkloristische überhaupt noch, wie wir es von den Geschichten von Heidi und dem Geissenpeter her kannten, oder hat tatsächlich eine Francine Jordi die Deutungshoheit über das Thema erlangt? Gibt es noch Orte, an denen sich die Menschen der Zukunft verweigern und leben wollen wie ihre Urväter? Und was geschieht an diesen Orten mit iPhone-schwingenden Städtern, die kaum mit den örtlichen Bräuchen vertraut sind? Werden sie freudig aufgenommen, oder ernten sie bloss böse Blicke, Hohn und Spott? Das Lappi-Team machte sich auf, Richtung Albis-Passhöhe, dem Ort, an dem heuer der vierzigste und zugleich letzte Albisschwinget stattfand.

Bei der Freikirche ICF kann man die ganze Freizeit verbringen – auch Silvester. Der Lappi war dabei.

Das ICF wirbt mit klaren Worten für die Silvester-Celebration: «Gemeinsam ins neue Jahr worshippen, einen Input von Leo Bigger zum Jahreswechsel geniessen und sich mit Drinks und Food von der Bar verwöhnen lassen.»

Der Segen fürs neue Jahr ist nicht ganz gratis, doch 15 Franken Eintritt und fünf Franken pro Bier ist für Zürcher Verhältnisse eher billig. Schnell ist klar, dass allein damit die Celebration in der Maag Music Hall an der Hardbrücke nicht finanziert wird.

Nach einer halben Stunde verlegenen Herumstehens im Barbereich wird die eigentliche Celebration Hall mit Theaterbestuhlung und Bühne geöffnet und die TeilnehmerInnen strömen zügig und geübt in Richtung Worship und Input. Die Türen schliessen sich wieder. Während des Hauptteils gibt es keinen Zugang zur Bar. Die rockig-poppige Band vom ICF-eigenen Musiklabel spielt ein erstes Set und die Texte werden zum Mitsingen auf drei gigantischen Leinwänden und diversen Flachbildschirmen mehrsprachig eingeblendet. Hunderte sind gekommen, die Tribüne ist voll und auch die Tanzfläche direkt vor der Bühne ist gut besetzt. Alle Generationen sind vertreten, die Meisten sind jedoch unter zwanzig. Um halb zwölf folgt die Message, jedoch nicht von Senior Pastor und ICF-Papst Leo Bigger, sondern von einem jungen Prediger in weissem Anzug ohne Kravatte, dafür mit Turnschuhen – ebenfalls in weiss.

Die Gesellschaft für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) hat eine Initiative zur Abschaffung der Wehrpflicht lanciert. Anlass genug, die betroffenen Soldaten zu befragen – im Hooters gegenüber der Kaserne in Thun.

Wenn man eine kontroverse Diskus­sion über die Abschaffung der Wehrpflicht haben will, dann muss man die grössten Wehrpflicht-Anhänger fragen, nämlich die Panzergrenadiere. Das zumindest ist die Meinung der Lappi-Redaktion, weshalb sie sich mit dem Zug zur Kaserne in Thun aufmachte. Eine Erlaubnis von der Armee, die Panzergrenadiere zu befragen, gab es nicht. Allerdings ist es nicht schwer, in Erfahrung zu bringen, dass die wehrhaften Schweizer ihren Ausgang im Hooters gegenüber der Kaserne verbringen.

In der Nähe des Hooters gibt es nur die Kaserne. Oder anders gesagt: In der Nähe der Kaserne ist das Hooters die erste Anlaufstelle für den durstigen, bewaffneten Rückhalt unseres Landes. Das Lokal mit dem jungen weiblichen Servierpersonal in knappen orangen Hotpants und engen weissen Shirts wird deshalb regelmässig von gut getarnten Armeeangehörigen für Freizeitzwecke besetzt. Die Rekruten wären in der hereinbrechenden Nacht kaum zu erkennen, würde ihr markiges Gelächter und ihr bierseliges Gegröle nicht schon drei Querstrassen weiter verraten, dass hier jede Menge Testosteron vorhanden ist.

Oberhalb von Krummenau liegt die Freiheit. Eine Wanderung.

Auch für die Frühlings-Ausgabe war die Lappi-Redaktion wieder für Sie in der Schweiz unterwegs. Diesmal nicht auf der Suche nach dem ultimativen Shopping-Vergnügen, sondern mit einem weit hehreren Ziel: Der Suche nach der Freiheit, genauer gesagt, dem Restaurant Sonne.

Nein, nicht irgendeine der unzähligen «Sonnen», sondern eben der «Landgasthof Sonne, Haus der Freiheit»: das Restaurant von SVP-Präsident Toni Brunner oberhalb von Krummenau im Toggenburg. Nicht über den Wolken gelegen – so frei ist selbst das Toggenburg nicht – aber immerhin auf halbem Weg in den Bendel auf der Kuppe.

Von Krummenau nach Wil fährt ein Zug pro Stunde. Der Fussweg über den Wintersberg in Richtung Sonne und weiter in den Bendel ist nur spärlich beschildert. Er führt über zwei Überführungen, und löst sich noch auf der zweiten in der Wiese auf. Viele Fussgänger sind hier nicht unterwegs. Man fährt. Man ist als Kind genug gelaufen. Den Wintersberg hinauf in die Schule, neben einem Bauernhof, am Abhang. Wenn ein Kind das andere auf dem Schulhof zu fest schubst, rumpelt es bis nach Ebnat-Kappel hinunter.

Neudeutscher Jargon, Alpenluft und Bergdorfcharisma. Das Alpenrhein­village ruft modehungrige Smart­shopper – und die  Gewerkschaften auf den Plan.

Der neudeutsche Jargon fliegt einem schon am Bahnhof entgegen. Das «Alpenrhein Village Outlet Shopping», so würde dieses Konglomerat aus Beton und alter Mode gerne genannt, ist gut ausgeschildert und direkt durch die Bahnhofsunterführung erreichbar. Doch zuerst schweift der Blick des Betrachters über die Tourismusregion Landquart.

Landquart ist den meisten bekannt als Umsteigeort auf dem Weg ins Schneevergnügen. Doch die Inhaber des «Village», die gerne auch am Sonntag kaufkräftigen Kunden Kaffeemaschinen und Klamotten anbieten wollten, suchten nach einer Möglichkeit, sich eine wirtschaftliche Nische zu ergattern – und fanden eine Gesetzeslücke, mit der sie das Arbeitsgesetz umgehen können.